Robert Kreis entführt im ausverkauften Bahnhof in Weimarer Zeit / Verfechter der Kleinkunst

Plädoyer für den guten Geschmack

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Der Entertainer Robert Kreis will mit seinem Programm „Rosige Zeiten“ die Kultur ein Stückchen in die Vergangenheit versetzen und wirft dabei auch einen kritischen Blick auf die moderne Unterhaltungswelt.

Rahden - Von Mareile Mattlage. Mit dem Klavier-Humoristen Robert Kreis hat der Rahdener Kultur-Verein „Kul-Tür“ am Mittwochabend einen ganz großen Kleinkünstler und Entertainer der alten Schule in den ausverkauften Rahdener Bahnhof geholt. Was er präsentierte, waren nicht allein Chansons, Schlager und Couplets der 20er-Jahre, sondern eine Sehnsucht nach niveauvoller Unterhaltung, guten Umgangsformen und einem respektvollen Umgang miteinander.

„Eure Sprache ist so schön und facettenreich“, schwärmte der Holländer gleich zu Beginn seines gut zweistündigen Programms. Leider sei die so poetische deutsche Sprache heute zu den Reduzierungen „cool“, „krass“ und „geil“ verkommen. Die größtenteils jüdischen Künstler der Weimarer Zeit, von Otto Reutter über Willy Rosen bis Richard Tauber, mit ihren Wort-Jonglagen und Piano-Kompositionen bewertete Kreis als brillant.

Zu den Entertainern der heutigen Zeit – etwa Mario Barth und Cindy aus Marzahn – sprach er Deutschland hingegen sein „herzliches Beileid“ aus. Noch nie habe er soviel „Schrott“ im Fernsehen gesehen wie in den vergangenen zehn Jahren. Früher habe es „Erotik“ und ein „herrlich lasterhaftes Berlin“ gegeben, heute nur noch „Titten und Sex“. Überall Mord und Totschlag. Alles furchtbar platt, ordinär und geistlos.

Mit dieser Meinung stand Kreis, nonchalanter Kabarettist und elegant gekleideter Gentleman, nicht allein da. Ein Sehnen nach einem würdevolleren Lebensgefühl war auch im Publikum zu spüren. Dieses bestand aus 140 durchaus auch jüngeren Gästen, die teils bis zu 200 Kilometer weit angereist waren.

„Frohlein Wunderlich“ und „Dean Mackay“, zwei junge Künstler aus Minden in adrettem Damen-Kostüm und tadellosem Nadelstreifenanzug, fassten ihre Faszination für die 20er-Jahre in Worte: „Wir empfinden es als eine Art Wiedergeburt. Es herrscht eine Sehnsucht nach guten Umgangsformen, Charme, Qualität, Klasse und einer neu gelebten Weiblichkeit. Dazu gehört es auch, sich stilvoll zu kleiden. Ein gepflegtes Äußeres bedeutet Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.“

Robert Kreis, der seit 40 Jahren auf der Bühne steht und pro Jahr um die 200 Auftritte gibt, ist nicht nur ein Piano-Virtuose, sondern auch ein genialer Mimik-Künstler, der mit einer einzigen spöttisch hochgezogenen Augenbraue mehr sagen kann als ein heutiger TV-Comedian mit hundert Worten. Seine private Sammlung umfasst laut Kreis mehr als 7000 Schellackplatten sowie unzählige Zeitschriften und Magazine der Vorkriegsperiode – kein Wunder also, dass er bei den Händlern der Berliner Flohmärkte als „Trüffelschwein“ gilt.

Gemessen an den Reaktionen und Kommentaren seiner Zuhörer ist Kreis aber dennoch kein nostalgisches Retro-Relikt vergangener Tage, sondern Ausdruck eines modernen Zeitgeistes.

Mit einer teils gewaltigen Körpersprache trug Kreis in Rahden nicht nur Lieder vor, sondern ebenso Reime und alte Scherze, darunter auch die so genannten „jüdischen Flüsterwitze“. Und so blieb dem Publikum das Lachen oft im Halse stecken, denn einige der Texte offenbarten sich als erschreckend aktuell. Die Parallelen zwischen der Ende der 20er-Jahre kurz vor dem Untergang stehenden Weimarer Republik und dem heutigen Deutschland waren nicht zu verkennen.

Mit Blick auf Eurokrise, Schuldenberge und Flüchtlingsströme wirkte der Programm-Titel „Rosige Zeiten“ schon beinahe zynisch. „Mein aktuelles Programm heißt ,Rosige Zeiten', obwohl die Zeiten gerade alles andere als rosig sind. Doch in der Welt der Kultur wird es immer rosig sein“, plädierte Kreis dafür, dass in jedem noch so kleinen Ort mindestens ein Theater stehen sollte.

Der heute 66-jährige niederländische Musikkabarettist wurde in den letzten Zuckungen des Kolonialismus auf der Insel Java, Indonesien, geboren und floh unter Scharfschützen-Beschuss als Kind mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Den Haag. Sein Ziel ist es nach eigener Aussage, eine große Ära der Kleinkunst vor dem Vergessen zu bewahren. Dazu gehörten nicht nur sein Frack, die Pomade im Haar und das aufgemalte „Menjou“-Bärtchen, sondern auch eine kritische Betrachtung der Gegenwart.

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