Rainer Schmidt fordert: Inklusion sollte selbstverständlich sein

„Wir sind alle behindert“

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Rainer Schmidt kam auf das Publikum zu und stellte Fragen.

Rahden - Von Katharina Schmidt. Paralympics Goldmedaillengewinner, Pfarrer, Kabarettist und Buchautor Rainer Schmidt sprach am Mittwochabend in der Aula der Hauptschule Rahden über Inklusion. Dabei beschränkte er sich nicht auf das Zusammenleben mit Menschen mit Behinderungen im klassischen Sinn: „Wir sind alle behindert“, behauptete er in seinem Vortrag „Lieber Arm ab als arm dran – vom Umgang mit einer Behinderung in der heutigen Gesellschaft und trotz Grenzen erfüllt leben“.

Menschen, die im Rollstuhl sitzen, das Down-Syndrom haben oder denen, wie ihm, die Unterarme fehlen, seien zwar eingeschränkt – alle anderen aber auch. Um das zu verdeutlichen, ermutigte Schmidt die Zuhörer, zu überlegen, was er mit seiner Behinderung nicht tun kann. Nach erstem Zögern kamen zwei Vorschläge: Einen Handstand machen oder Klavier spielen. „Wer kann keinen Handstand machen“, fragte der Kabarettist daraufhin. Viele Finger zeigten nach oben. „85 Prozent des Publikums sind schwerbehindert“, folgerte er schmunzelnd.

Jeder Mensch hat ihm zufolge Einschränkungen, aber auch Begabungen. Das vernachlässige das deutschen Schulsystem. Es gruppiere Schüler nach ihrem Alter. Laut Schmidt ist das oft nicht sinnvoll. „Beim Boxen käme niemand auf die Idee, die Menschen nach ihrem Alter einzuteilen“, zog er einen Vergleich. Deutschlehrer würden die Rechtschreib-Leistungen von Migranten mit denen deutscher Kinder, „die Hermann Hesse als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommen“, vergleichen. Das sei ein „völlig unfairer Wettkampf“. Homogene Lerngruppen sind ihm zufolge „eine Illusion“, Kinder mit Behinderungen in einen „dritten Lebensraum“ zu verfrachten eine Erfindung reicher Länder. „Behinderte Kinder werden nicht in der Sonderschule geboren“, verdeutlichte er.

„Inklusion bedeutet nicht, dass jedes Kind alles mitmachen muss“, machte er klar. Es sei die „Kunst des selbstverständlichen Zusammenlebens von sehr verschiedenen Menschen“. Wie das funktionieren kann, zeigte er anhand seiner eigenen Kindheit. „Ich habe oft einfach andere Funktionen übernommen“, erklärte er. Statt bei der Fahrradtour hinter den anderen herzuradeln, habe er zum Beispiel eine Getränkepause organisiert. „Ich konnte nicht alles mitmachen, aber ich war immer dabei“, erinnerte er sich.

Auch auf Ängste, Kinder mit Behinderung könnten den Unterricht stören, ging Schmidt ein. „Inklusion ist nicht: Wir orientieren uns am langsamsten“, verdeutlichte er. Es gehe um Individualisierung. „Inklusiver Unterricht beteiligt die Kinder am Schwierigkeitsgrad“, so Schmidt. Kinder sollten einschätzen, welche Aufgaben sie schon bewältigen können und motiviert werden, neue Herausforderungen anzunehmen. Schmidts Kritik stieß beim Publikum auf Interesse: Unter den rund 30 Zuschauern waren viele Lehrer.

Der Kabarettist bezog das Publikum mit ein, kam auf sie zu, stellte Fragen, hakte nach und lästerte mit ihnen über Latein. Er zeigte sich sehr selbstironisch und sprach offen über seine Behinderung. „Ich bin so ziemlich der unbetroffenste Betroffene“, machte er Mut, ungeachtet politischer Korrektheit Fragen zu stellen.

Trotz des ernsten Hintergrundes gestaltete Schmidt den Vortrag mit vielen Anekdoten locker und lustig. Oft konnten sich die Zuschauer nicht mehr halten vor Lachen. Der Kabarettist ließ seine Erfahrungen als Pfarrer, als Notfall-Seelsorger, als Tischtennisspieler und -trainer mit einfließen.

Laut Schmidt ist Inklusion eine Herzensangelegenheit. „Wenn Sie zuerst den Menschen, seine Ressourcen und dann vielleicht noch seine Einschränkung sehen, dann haben Sie alles gelernt“, gab er den Zuschauern mit auf den Weg.

Dr. Wolfgang Adam vom Rahdener Präventionsrat sieht das ähnlich: „Für mich ist Inklusion Nächstenliebe“, sagte er. Der Präventionsrat hatte Rainer Schmidt zusammen mit dem Stadtsportverband nach Rahden geholt. Am Nachmittag hatte der Kabarettist bereits mit Lehrern, Erzieher, Pädagogen und ehrenamtlichen Betreuern über den Umgang mit schwierigen Kindern gesprochen.

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