Marion Wilmsmann aus Varlheide zieht Rehkitz „Manni“ im „Tierparadies“ auf

„Wie ein Baby“

+
Neugierig erkundet das Rehkitz „Manni“ den Garten.

Varlheide - Von Katharina Schmidt. Auf zierlichen Beinen tapst das Rehkitz „Manni“ durchs Gras, beschnüffelt neugierig seine Umgebung und knabbert an Blättern und Blüten. Dann geht es zum Essen zu Mama – allerdings nicht an die Zitzen, sondern an die Nuckelflasche. Denn der zwei Wochen junge Bock wird von Marion Wilmsmann von der Nutztier-Arche „Tierparadies Rahden“ großgezogen.

„Manni“ wurde in Vlotho mitten auf der Straße gefunden. „Ich schätze, dass seine richtige Mutter irgendwie ins Mähwerk gekommen ist“, erzählt Wilmsmann, während sie „Manni“ die Flasche gibt. Vertraut nuckelt das etwa 2200 Gramm schwere Kitz an der auf 39 Grad aufgewärmten Mischung aus Fencheltee und Lämmer-Aufzuchtmilch. Der Tee wirke Bauchschmerzen entgegen, erklärt die Tierliebhaberin. Außerdem müsse sie dem Kitz beim Füttern das Hinterteil massieren, damit es sich lösen könne.

Alle vier Stunden füttert sie den kleinen Rehbock – auch nachts. „Genau wie ein Baby“, sagt Wilmsmann schmunzelnd. Neben seiner Milch und dem Grünzeug, das er im Garten aufspürt, bekommt „Manni“ Eigelb und Maulwurfserde. „Die Erde brauchen Rehe für ihre Verdauung“, betont die Ersatz-Mama. „Andere Leute bekämpfen ihre Maulwürfe, ich wäre froh, wenn hier einer wäre“, ergänzt sie. Auf einen Ziergarten könne sie bei ihrem Schützling, dem auch Rosenblätter gut zu schmecken scheinen, eh nicht mehr hoffen, erzählt Marion Wilmsmann und lacht. Tollt „Manni“ nicht im Garten herum, darf er sich auch im Haus aufhalten.

Während das Kitz fremde Menschen scheu beäugt, kommt es zu der Varlheiderin auf Zuruf und stupst sie mit seiner Nase an, fast wie bei einem Küsschen. Wenn es seine „Mama“ aus den Augen verliert, fängt es sogar manchmal an zu fiepen. „Die sind sehr anhänglich, wenn sie klein sind“, schildert Wilmsmann ihre Erfahrung. „Aber wenn die in die Pubertät kommen, hauen die alle um“, fügt sie mit Blick auf das Geschlecht ihres „Babys“ hinzu. Daher müssten Böcke, die nicht in der Natur aufwachsen, bis zur siebten Woche kastriert werden. Erfolge das später, könne das eine gefährliche Fehlentwicklung des Geweihes zur Folge haben, weiß Wilmsmann.

„Manni“ ist nicht das erste Kitz, das die „Reh-Mama“ großzieht. Vor etwa drei Jahren hatte ihr ein Jäger „Maili“ zur Aufzucht anvertraut. Sie durchzubringen, sei schwer gewesen, erinnert sich die 50-Jährige. „Maili“ habe erst nur 1200 Gramm gewogen. Mittlerweile lebt das Reh in einem Gehege auf dem Anwesen der Wilmsmanns. Dort kann es sich laut der Varlheiderin im Wald verkriechen, Kräuter suchen oder umherspringen. „Was halt dazugehört, wenn man Reh ist“, fasst sie zusammen.

Sie will „Maili“ und „Manni“ so „artgerecht wie möglich“ halten. Denn davon, sie wieder in die freie Natur auszuwildern, würden Jäger abgeraten. Die Rehe hätten nicht genügend Scheu vor Menschen oder Hunden. Auch bevor sie „Manni“ und „Maili“ zu sich nahm, habe sie sich mit den Waidmännern abgestimmt. Berühre man ein Kitz vorschnell, werde es womöglich von seiner Mutter verstoßen, erklärt Wilmsmann.

Sie und ihr Mann Michael leben im Moment mit knapp 200 Tieren in Varlheide – darunter Hühner, Gänse, Enten, Ponys, ein Wellensittich, Hunde, Schafe, Meerschweinchen und Kaninchen seltener Rassen. Manche von ihnen rettete das Ehepaar vor dem Schlachter, andere nahm es als „Waisen“ auf.

Marion Wilmsmann betont jedoch, dass die Nutztier-Arche kein Tierheim sei. Manche Tiere würden später geschlachtet. Bis zu ihrem Tod wolle man ihnen jedoch ein schönes Leben bieten. „Wir wollen nicht das Hühnerfleisch aus der Massentierhaltung“, betont sie, dass ihr artgerechte Haltung am Herzen liegt.

Vor dem Kochtopf verschont bleiben einige Tiere, zu denen Familie Wilmsmann eine besonders enge Beziehung hat. Dazu gehören natürlich die Rehe, aber auch das Paduaner-Huhn „Elvira“. Während „Manni“ zusammen mit zwei Katzenbabys ein Nickerchen macht, setzt sich das Tier auf die Schulter von Marion Wilmsmann. Das habe man ihr nicht antrainiert, versichert sie und erzählt, dass die meisten ihrer Tiere per Zufall in ihr Leben gekommen seien. Das sei schon immer so gewesen: Bereits als Kind habe sie herrenlose Hunde, Spatzen und Katzen angeschleppt und aufgepäppelt. In ihrem „Rahdener Tierparadies“ fühlen sie und ihr Mann sich wohl: „Das ist unser Traum“, sagt Marion Wilmsmann und lässt den Blick über den Hof schweifen. „Das ist für uns keine Arbeit, das ist Lebensart“, ist sie zufrieden.

Die Haltung der Tiere finanzieren sie und ihr Mann unter anderem, indem sie Kindergeburtstage mit Ponyspielen, Stockbrot backen, einer Hof-Rallye und gemeinsamem Essen organisieren. Außerdem gibt Marion Wilmsmann neben ihrem Job in einer Apotheke Reitunterricht. Durch diese Zusatzverdienste könne sie auch etwas „teurere Tiere“ wie „Manni“ aufnehmen, erzählt sie. Denn „so eine Reh-Aufzucht ist gar nicht so billig“, stellt sie mit Blick auf die Futter- und Unterbringungskosten fest.

www.tierparadies-rahden.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Smart Luggage: Wenn der Koffer zum Lautsprecher wird

Smart Luggage: Wenn der Koffer zum Lautsprecher wird

Games: Farbbomben, Planetenaufbau und ein Unrechtsstaat

Games: Farbbomben, Planetenaufbau und ein Unrechtsstaat

Keine Taschenlampe: Kabellose Leuchten inspirieren Designer

Keine Taschenlampe: Kabellose Leuchten inspirieren Designer

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Montag

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Montag

Kommentare