Fachwerk-Dielenhaus an der Marktstraße wird im August 333 Jahre alt / Aktionen

Lichtspieltheater und Gaststätte in einem Gebäude

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Um 1900 hieß die heutige Marktschänke noch Gasthof untern Linden. Neben dem Gaststättenbetrieb war dort eine Kolonialwarenhandlung sowie später auch das erste Rahdener Lichtspieltheater.Chronikgruppe Rahden

Rahden - Von Anika Bokelmann. Es ist ein Sonntag in den 30er- oder auch 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts: Hunderte Fahrräder stehen auf dem Platz an der Marktstraße in Rahden, eine lange Schlange hat sich vor dem Lichtspieltheater gebildet. Das erste Rahdener Kino ist bis in die 80er-Jahre ein beliebter Treffpunkt, werden dort doch auch aktuelle Nachrichten gezeigt. In dem Anbau der heutigen Marktschänke haben sich zudem viele Leute getroffen und es wurden Freundschaften geschlossen, haben die älteren Bewohner Rahdens noch gut in Erinnerung.

Fertiggestellt wurde der Bau des historisch wertvollen Gebäudes am 18. August 1683 – also vor 333 Jahren. Davon zeugt ein alter Balken, der neulich einem Gast im Biergarten aufgefallen ist. Diesen besonderen Geburtstag des Fackwerk-Dielenhauses – es soll sich dabei um eines der ältesten Häuser in der Auestadt handeln – nehmen die Betreiber der Marktschänke zum Anlass, besondere Aktionen und ein Gewinnspiel anzubieten.

Dabei erhalten sie Unterstützung von Susanne Walker vom Dersa-Kino, denn die Geschichte der Gaststätte und die Entwicklung des Kinos sind eng miteinander verbunden. Elke Seiker hat in alten Büchern geforscht und gemeinsam mit den weiteren Marktschänke-Pächtern, Hans-Günter Ortgies, Hartmut Kröger, Andreas Kutsch und Jan Niklar Töws, den Lebenslauf des Hauses rekonstruiert.

„Viele Aufzeichnungen sind leider nicht vorhanden“, sagt Seiker, bevor sie sich auf eine Zeitreise begibt: Nur zwei Jahre nach der Fertigstellung des Hauses, also 1685, brannte das Gebäude nieder und musste wieder aufgebaut werden. „Es sollte nicht das letzte Feuer sein“, ergänzt Andreas Kutsch.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Teil des Hauses der Familie Heitmann als Gaststätte und Kolonialwarenhandlung als Gasthof untern Linden betrieben. Später wurde es umbenannt in Gasthaus zur Linde. Bei dem Fachwerk an der Marktstraße handelt es sich um das Geburtshaus der Mutter von Ursula Heitmann, die die Mehrheit des Buchbindereimaschinenherstellers Kolbus hält.

Ebenfalls dort geboren wurde der späterere Ehrenbürger Rahdens, Professor Carl Langhorst (1867 bis 1950). Er veranlasste, dass sein Portrait bis heute gegenüber der Theke in der Marktschänke hängt, denn auf der Rückseite des Bildes steht geschrieben: „Dieses Bild hat für alle Zeiten in meinem Geburtshause oder an dessen Stätte zu verbleiben.“ Elke Seiker erinnert sich zudem, dass Langhorst der erste Mann in Rahden war, der ein Auto besaß.

Doch zurück zum Kino: Im Jahr 1909 flimmerte der erste Film über die Leinwand – Wilhelm Schwettmann hatte zur Vorführung eines Stummfilms in die heutige Deele des Gasthauses eingeladen. Da sich das Kino immer größerer Beliebtheit erfreute, bauten die Inhaber 1920 einen Kinosaal mit 480 Sitzplätzen an (zum Vergleich: im Dersa-Kino gibt es heute 562 Sitzplätze in insgesamt fünf Sälen). Dafür wurde die angrenzende Scheune abgerissen.

Über Toiletten ins Kino geschlichen

Das Lichtspieltheater und der Gaststättenbetrieb teilten sich die Toiletten. „Einige Gäste haben sich von der Kneipe dann auch schon mal ins Kino geschlichen“, erinnert sich Seiker, denn als sie klein war, war sie häufig an der Marktstraße zu Gast.

Während des Zweiten Weltkriegs waren 1945 für ein halbes Jahr britische Soldaten im Kino einquartiert. Für die Männer wurde während der Zeit die britische Wochenschau ausgestraht, geht aus den alten Unterlagen hervor.

In den 50er-Jahren nahm parallel zum ersten Rahdener Kino ganz in der Nähe das Rex-Kino seinen Betrieb auf. Dieses befand sich im hinteren Gebäudeteil des Hotels Zum Deutschen Kaiser (Gasthof Wolter). Etwa 20 Jahre später ging der Hotelbesitzer in Konkurs und der Lübbecker Kaufmann Deerberg übernahm den Komplex, der 1975 abgerissen wurde. An der Stelle befindet sich heute das ehemalige Geschäftshaus mit der Spielothek.

In den 80er-Jahren ließ das Interesse an dem Lichtspieltheater nach, „weil die aktuellen Filme immer erst sehr spät nach Rahden kamen“, blickt Hans-Günter Ortgies zurück. „Die Familie Schwettmann-Böversen hatte auch keinen Nachfolger“, berichten die heutigen Pächter, die sich intensiv mit der Geschichte des Hauses auseinandergesetzt haben.

Unter der Familie Heitmann wurde der Kinosaal schließlich im Januar 1986 abgerissen und das Haus zu seiner heutigen Form umgebaut. Im Dezember eröffnete die Martkschänke, damals noch mit den Pächtern Jürgen Schröder und Hans Stübbert. Später führten Gudrun und Ralf Stein die Gaststätte, bis 2003 das heutige Team die Marktschänke übernahm.

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