Landwirtschaftlicher Berater Helmut Kokemoor aus Varl zum MRSA und über Herausforderungen der Landwirtschaft

„Keine keimfreien Orte in der Natur“

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Helmut Kokemoor will keine Panik machen, sondern klarstellen, wie Landwirtschaft funktioniert.

Varl - Von Anika Bokelmann. Viele Menschen fürchten Bakterien, doch die wenigsten wissen wirklich Bescheid. Wenn es um die resistenten Staphylokokken geht, die als MRSA bekannt sind, dann verbreiten Halbwahrheiten Panik, hat Helmut Kokemoor beobachtet. Der landwirtschaftliche Berater aus Varl möchte daher aufzeigen, „wie es sich wirklich draußen verhält“. Denn ihm zufolge ist die Inszenierung durch Politik und Medien das eigentliche Problem.

Die in jüngster Zeit publizierten Artikel über eine Wette von Landwirten im Emsland, nimmt Kokemoor zum Anlass, klarzustellen, dass Landwirte nicht höher mit dem ha-MRSA (Krankenhauskeim) belastet sind als Menschen ohne Tierhaltung. Bei der Wette seien die Keime bei nur zwei von 355 beteiligten Landwirten nachgewiesen worden, unterstreicht Kokemoor.

„Es gibt keinen keimfreien Raum. Sterilität hat die Natur nicht vorgesehen“, sagt der Varler. Ferner müsse man zwischen den verschiedenen Keimstämmen unterscheiden: ha-MRSA (Krankenhauskeim), hca-MRSA (Keime in Altersheimen), ca-MRSA (außerhalb des Gesundheitswesens) und la-MRSA (Nutztier-MRSA). „Wenn im Tierbestand ha-MRSA gefunden wird, dann ist dieser Keim vom Tierhalter ans Tier herangetragen worden“, so der Berater. Im Gegensatz zum la-MRSA, der im Rahmen der Emsland-Wette bei 38 Prozent der Landwirte nachgewiesen wurde. Dieser Keim sei aber für den Mensch unbedeutend.

„MRSA-Träger zu sein heißt nicht, dass der Mensch krank ist“, erklärt Kokemoor, dass MRSA „opportunistisch“ ist. Das heißt, der Keim ist auf Haut und Schleimhäuten, aber erst wenn er in die Blutbahn kommt, werde es kritisch.

Auch die Diskussionen um Antibiotika in der Tierhaltung sieht Kokemoor kritisch. „Wenn wir die Antibiotikamenge auf die Tierhaltung umrechnen und mit anderen EU-Staaten vergleichen, dann nimmt Deutschland unter den 28 Staaten die Position 26 ein“, hat er recherchiert. Nur Litauen und die Niederlande setzten weniger Antibiotika ein. „So ist die deutsche Landwirtschaft vorbildlich“, macht Kokemoor deutlich. „Das ist aber kein Grund, sich nicht weiterzuentwickeln“, sagt er. Denn jeder Einsatz von Antibiotika begünstige die „Zucht von resistenten Keimen und sollte daher genau überlegt sein“. Schließlich sei Deutschland ein Transitland: „Wenn früher zweimal jährlich Zugvögel kamen und ihre Mikrobiologie mitbrachten, so ist es heute der globale Waren- und Personenverkehr, der uns stündlich mit unbekannten Keimen versorgt“, verdeutlicht Kokemoor.

Er empfiehlt Landwirten daher, Ställe vor dem Neubelegen aktiv mit regenerativen Bakterien zu besiedeln. Damit werde ein lebensfreundliches Milieu geschaffen – Experten sprechen vom „Ausschluss durch Verdrängung“. Denn wo positive Keime seien, könnten sich keine gefährlichen Bakterien vermehren.

Dass die Landwirtschaft in Vorsorge und Hygiene Großes leiste, macht Kokemoor am vergangenen Winter und der Vogelgrippe fest: „Es waren nur zwei Betriebe infiziert. Den Geflügelhaltern gebührt ein großes Kompliment.“

Viele Widerstände und Vorurteile gegen die moderne Landwirtschaft würden in der Regel auf Unkenntnis basieren, so Kokemoor: „Wir erleben es immer wieder, dass sich Bürgerinitiativen bei Stallbauten bilden. Das kann Landwirte zu Außenseitern abstempeln.“

In den kommenden Jahren sieht Kokemoor viel Arbeit und Herausforderungen auf den Berufszweig zukommen. „Es wird ein Problem, wenn die Globalisierung fortschreitet und damit beliebige Lebensmittel auf unseren Markt kommen“, sagt er. Politische Vorgaben an Landwirtschaft und insbesondere Tierhaltung verteuern laut Kokemoor heimische Produkte. Auch das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP werde großen Einfluss auf die Landwirtschaft haben, ist sich Kokemoor sicher. Kleine Betriebe seien nicht mehr imstande, weitere Vorschriften umzusetzen. Verbraucheransprüche an Qualität und Hygiene seien mit alten Ställen nicht erreichbar.

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