Künstler Gunter Demnig verlegt 16 Stolpersteine in Rahdener Innenstadt / Projekt des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“

Über dunkles Kapitel der Geschichte stolpern

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Die 10B der Hauptschule Rahden (oben) berichtete an der Lemfördrder Straße über das Schicksal der Familie Frank.

Rahden - Von Melanie Russ. Manche Dinge dürfen nicht in Vergessenheit geraten, auch wenn die Erinnerung schmerzt und manchmal gerade, weil sie schmerzhaft ist. In der Stadt Rahden helfen seit gestern 16 Stolpersteine, die Erinnerung an die einst lebendige jüdische Kommune wach zu halten, deren Mitglieder während des Dritten Reiches deportiert wurden und zumeist in Vernichtungslagern oder auf dem Weg dorthin zu Tode kamen. Der Künstler Gunter Demnig persönlich ließ die von ihm gefertigten Stolpersteine an den Orten in den Boden ein, an denen die jüdischen Mitbürger ihren letzten selbst gewählten Wohnort hatten.

Viele Rahdener Bürger haben das vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ initiierte Projekt unterstützt, sowohl finanziell als auch mit Informationen über die Schicksale der Rahdener Juden. Mit der Umsetzung hatte sich der Arbeitskreis viel Zeit gelassen, denn „Geduld und Sorgfalt sind wichtige Voraussetzungen, damit das Symbol Stolpersteine seine Wirkung entfalten kann“, sagte Arbeitskreis-Mitglied und Kul-Tür-Vorsitzende Monika Büntemeyer gestern Morgen. „Es ist zu hoffen, dass die Rahdener Stolpersteine im Laufe der Jahre Rahdener Bürgern und ihren Besuchern dazu dienen mögen, die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die einst mitten unter uns lebten, wach zu halten“, so Büntemeyer weiter.

Bürgermeister Bert Honsel betonte, wie wichtig es mit Blick auf die deutsche Geschichte ist, jüdische Mitbürger in Deutschland zu schützen, „soweit wir können“.

Drei Adressen, Marktstraße 20 und 22 sowie Lemförder Straße Ecke Steinstraße, wo einst die Familien Ginsberg und Frank wohnten, hat der Arbeitskreis für den Anfang ausgewählt, weitere Stolpersteine sollen im kommenden Jahr folgen. Während Gunter Demnig die Stolpersteine vor den Häusern verlegte, informierten Mitglieder des Arbeitskreises über die erschütternden Schicksale der Familien, die in kurzer Zeit von respektierten Mitgliedern der Gesellschaft zu Verfolgten wurden. „Über das, was gewesen war, wurde anfangs nicht gesprochen“, erinnerte sich Edith Stöver vor dem Haus in der Marktstraße 20, das lange Jahre im Besitz ihrer Familie war. Erst später habe man Fragen gestellt.

Hier lebten Julius und Clara Ginsberg mit ihren Kindern Werner, Helmut, Hannelore und Ruth. Als am 10. November 1938 die Rahdener Synagoge brannte, griffen die Nationalsozialisten auch ihr Haus an. Fünf Monate später wurde es zu einem so genannten Judenhaus erklärt, das heißt, die Familie musste andere wohnungslos gewordene jüdische Bürger aufnehmen. Die Eltern und Tochter Ruth wurden 1942 im Warschauer Ghetto ermordet, Helmut in Auschwitz und Hannelore in Minsk. Werner starb 1944 ebenfalls in Auschwitz.

Im Nachbarhaus, der heutigen Marktstraße 22, lebten Moritz und Johanna Ginsberg mit den Kindern Iwan und Ilse, an deren Schicksal sichtlich bewegt Gundel Schmidt-Tschech erinnerte. Bis 1933 sei die Familie wohlangesehen gewesen. Doch schon 1936 musste sie ihr Haus an einen Viehhändler verkaufen und wurde später deportiert. Als einziges Familienmitglied überlebte Ilse den Holocaust. Sie ließ sich in Palästina nieder.

Mit der Geschichte der Familie Frank, deren Haus an der Stelle des heutigen Ärztehaus am Kreisel Lemförder Straße/Steinstraße stand, hat sich die Klasse 10B der Hauptschule intensiv beschäftigt. Sie berichtete aus der Perspektive von Richard und Hans, die als einzige Familienmitglieder das Ghetto in Minsk überlebt hatten.

Die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte Rahdens ist an der Hauptschule schon Tradition. Ursula Ester-Hartke hatte schon in den 90er-Jahren gemeinsam mit Hauptschülern zu dem Thema recherchiert. Ergebnis war das Buch „Sie lebten mitten unter uns“, das momentan vergriffen ist, aber in aktualisierter Version neu aufgelegt werden soll. Es sei höchste Zeit dafür, findet Marion Heider, Enkeltochter von Alfred Frank, denn seit der Erstveröffentlichung gebe es einige neue Erkenntnisse über ihre Familie.

Jetzt ist die jüdische Kommune wieder ein sichtbarer Teil mitten in Rahden. „Ich bin froh, das wir jetzt Orte haben, an denen man stolpert, wenn man vergessen will, und an denen man stehen bleiben kann, wenn man den Menschen gedenken will“, begrüßt Rahdens Pfarrer Udo Schulte das Projekt.

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