Juristen diskutieren über Sekundenschlaf

25-Jähriger mit Jetlag verursacht Unfall

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Mediengruppe Kreiszeitung

Rahden - Ein Flug über mehrere Zeitzonen kann die innere Uhr aus dem Takt bringen, den Schlafrhythmus stören und zu Müdigkeit führen. Das bekam ein 25-jähriger Rahdener auf schmerzhafte Weise zu spüren. Laut der Staatsanwaltschaft fiel er nach der Rückkehr von einer Kanada-Reise aufgrund eines Jetlags am Steuer seines Autos in einen Sekundenschlaf und verursachte einen Unfall. Hierbei wurden er und eine weitere Person verletzt. Nun musste sich der 25-Jährige vor dem Amtsgericht Rahden verantworten.

Am Tag des Unfalls, der 1. September 2014, war der Angeklagte mit seinem Reisegefährten in Amsterdam gelandet. Von dort seien sie abgeholt und nach Espelkamp gefahren worden, erzählte der Rahdener. Nachdem er bei seinen dort lebenden Eltern zwei bis drei Stunden verbracht habe, sei er ins Auto gestiegen, um zu seiner Wohnung in Rahden zu fahren.

An den Unfall direkt erinnere er sich nicht – nur noch daran, wie der Airbag aufgeplatzt sei, so der Angeklagte. Was in den Sekunden zuvor passierte, schilderte die Staatsanwaltschaft. Auf der Diepholzer Straße in Richtung Rahden geriet der Angeklagte laut Anklage mit seinem Auto in den Gegenverkehr und prallte gegen einen Kleintransporter. Dessen Fahrerin soll vorher noch gehupt, Warnblinklicht angeschaltet und eine Vollbremsung hingelegt haben – vergebens. Eine weitere Unfallbeteiligte fuhr auf den Kleintransporter auf. Der Beifahrer des Sprinters und der Angeklagte zogen sich Verletzungen zu. Es entstand mehr als 20000 Euro Sachschaden.

„Sie hatten ja so einiges hinter sich“, merkte Richter Hagenkötter angesichts des langen Fluges und einer kurzen Nacht an – der Angeklagte hatte vor dem Abflug in Kanada nur etwa sechs Stunden geschlafen. „Bei Ihren Eltern – wie haben Sie sich gefühlt?“, fragte der Gerichtsvorsitzende. „Ich habe mich gut gefühlt“, antwortete der Angeklagte. „War das anstrengend?“, hakte Hagenkötter nach. Er sei zwar froh gewesen, bei seinen Eltern anzukommen, aber „soweit war alles gut“, so der 25-Jährige. Während des Langstreckenfluges habe er außerdem die meiste Zeit geschlafen.

Als Gutachter war ein Nervenarzt vor Gericht geladen. „Es ist nachvollziehbar, dass so eine Fernreise schlauchend ist“, sagte er. Er glaube, „dass jeder, der so eine Reise macht, und dann Auto fährt, wissen muss, was er da tut“. Richter Hagenkötter zufolge gibt es vor einem Sekundenschlaf immer Ermüdungsanzeichen. Ob ein Fernflug etwas an diesem Zustand ändern könne, fragte er den Gutachter. Ihm zufolge kann es durch die Aufregung vorkommen, „dass das subjektive Empfinden nicht dem entspricht, was objektiv da ist“ – also dass jemand aus medizinischer Sicht müde ist, es aber nicht merkt.

Hagenkötter fragte nochmal konkret nach, ob die Ermüdungszeichen wie Gähnen oder schwere Augenlider bei einem Jetlag wegfallen. „Kann sein, muss nicht sein“, so der Gutachter.

Der Staatsanwalt regte im weiteren Verlauf der Verhandlung an, die Zeugen des Unfalls zu hören, um zu fragen, ob der 25-Jährige schon vor dem Unfall auffällig gefahren sei. Der Verteidiger des Angeklagten bezweifelte, dass das ergebnisführend wäre. „Infolge von Jetlags kann es sein, dass jemand einschläft, ohne dass er vorher Ermüdungsanzeichen gehabt hat“, schilderte er das Ergebnis seiner Recherchen.

Die Juristen einigten sich schließlich darauf, das Verfahren gegen Zahlung von 900 Euro einzustellen. Der Rahdener hat nun einen Monat Zeit, das Geld an die Staatskasse zu überweisen.

ks

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