Infoabend zur regionalen Ärzteversorgung: Hoffnung durch Bochumer Modell

„Land ist nicht attraktiv“

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Achim Post (4.v.r.) befragte verschiedene Akteure zum Thema Ärztemangel auf dem Land: (v.l.) Dr. Wolfgang Adam, Siegfried John, Dr. Wolf-Dieter Reinbold, Ansgar von der Osten, Gerd Wiechers, Bela Lange und Hans-Eckhard Meyer.

Rahden - Mit rund 16000 Einwohnern ist Rahden gar nicht so ländlich. Dennoch ist die Stadt vom Ärztemangel bedroht. Dieses Problem und die Finanzierung der regionalen Ärzteversorgung beschäftigten am Mittwoch Experten, die SPD, FWG, FDP und Grüne in den Westfalen Hof eingeladen hatten. Redebedarf war zwar vorhanden, neue Ansätze brachte der Abend aber nicht.

Vor rund 80 Gästen nahmen Ärzte, Politiker sowie ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung und der heimischem Krankenkasse Stellung. Sie stellten sich den Fragen des Bundestagsabgeordneten Achim Post, der als Moderator durch den Abend führte. „Der Mangel ist schon da“, sagt Siegfried John. Dass es weniger Ärzte in der Gegend gebe, lasse sich an den Bereitschaftsdiensten erkennen, so der Rahdener Allgemeinmediziner. Rahdens Kinder- und Jugendarzt Dr. Wolfgang Adam rechnet mit einer „zehnjährigen Latenz, bis der Mangel wirklich Probleme macht“.

Der Mangel an sich sei nicht akut, erklärt Hans-Eckhard Meyer. Er sieht vielmehr ein Verteilungsproblem, das er anhand der Augenärzte deutlich macht (Lübbecke hat elf Praxen, Rahden keine). Ein weitaus größeres Problem ist den Medizinern zufolge die Altersstruktur. „60 Prozent der Ärzte sind älter als 55 Jahre“, so John.

Auf der anderen Seite berichten Ärzte aus dem Publikum, dass auf ihre Ausschreibung für eine Gemeinschaftspraxis keine Bewerbungen eingegangen seien. „Das Land ist eben nicht attraktiv“, macht Dr. Helmut Schöpfer deutlich. Der 73-Jährige ist der einzige Kinderarzt in Espelkamp. Auf durchaus schlechter gestellte Regionen wie Vlotho verwies Ansgar von der Osten von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Dennoch gelte es für Rahden, eine Versorgungslücke zu vermeiden.

„Junge Ärzte müssen anpacken können“, meinte von der Osten. Ihm zufolge ständen dem Kooperationswunsch des Arztnachwuchses die Einzelpraxen entgegen. Ein „Praxismanagement“ schlägt von der Osten als „Lockmittel“ vor. Dr. Adam fordert ein zusätzliches Budget als Belohnung für Studenten, die sich für eine Landarztpraxis entscheiden.

„Es fehlt schon ganz unten“, bemerkt Professor Dr. Wolf-Dieter Reinbold, Ärztlicher Direktor des Johannes Wesling Klinikums Minden, und bemängelt: „Der Numerus Clausus ist irrsinnig, das Auswahlverfahren zu kompliziert.“ So sei es umso lobenswerter, dass die Mühlenkreiskliniken auch für Rahden die Kooperation mit der Universität in Bochum erreicht hätten. Dadurch erhofft sich Reinbold mehr Medizinstudenten aus der Region für die Region.

Wichtig sei dann, die Mediziner zu halten. Denn Reinbold zufolge wandern 40 Prozent der Medizinstudenten in einen anderen Berufszweig oder ins Ausland ab. Der Ärztliche Direktor macht die Globalisierung dafür verantwortlich. „Das ist der große Feind der Ärzteversorgung.“ Um den Arztberuf ansprechender zu gestalten, „ist ein Weg nötig, der wieder zu mehr Menschlichkeit führt“, so Reinbold, der damit einen Seitenhieb auf „die von der Politik aufgestülpten bürokratischen Hindernisse“ unternimmt.

Reinbold fühlt sich vom Staat im Stich gelassen. „Wir brauchen für das neue Lehrgebäude zehn Millionen Euro und es kommt nichts.“

„Ausgestorben ist die Gegend nicht“, meint Friedrich Schepsmeier von der Rahdener SPD. Rahden könne stolz auf seine Infrastruktur sein, so der Regionaldirektor der AOK Nord-West, Gerd Wiechers. Dennoch müsse die Stadt mehr tun, um einen Anreiz für eine Niederlassung zu geben. Dr. Adam liefert Beispiele: geringere Mieten für Praxen, Grundstücke durch Bürgschaften zur Verfügung stellen und Familienförderung. Er wünscht sich ferner einen überparteilichen Arbeitskreis, der sich mit der Problematik auseinander setzt. Als „moderne Idee“ begrüßt er Gemeinschaftspraxen und Ärztezentren. „Solche Netzwerke müssen von allen Akteuren getragen werden“, fordert Adam.

abo

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