Gefängnisseelsorger berichtet über seine Arbeit

Es fällt manchmal schwer, den Kontakt aufrecht zu erhalten

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Der ehemalige Rahdener Pfarrer Stefan Thünemann arbeitet im dritten Jahr als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Herford 

Espelkamp/Herford - Von Melanie Russ. „Es ist schon hart. Gefängnis ist kein guter Ort“, sagt Pfarrer Stefan Thünemann. Trotzdem leuchten seine Augen, wenn er über seine Arbeit in der Justizsvollzugsanstalt Herford berichtet. Alles sei dort verdichtet – die dunklen Aspekte, aber eben auch freudige Ereignisse. Die Herausforderung, als Gefängnisseelsorger zu arbeiten, hat sich der Espelkamper vor knapp drei Jahren bewusst ausgesucht. Zuvor war er 14 Jahre lang als Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Rahden tätig. Seit Ende 2013 ist er in der JVA für rund 270 jugendliche Inhaftierte zuständig.

Bereut hat er seinen Wechsel nicht. „Ich bin sehr zufrieden. Die Arbeit macht großen Spaß.“ Es sei spannend, in einem Bereich zu arbeiten, in dem man nicht mit offenen Armen empfangen werde. Zwar sind Thünemanns Dienste bei vielen Insassen sehr gefragt, aber eben nicht bei allen. Und die scheuen sich nicht, ihre fehlende Wertschätzung auch kund zu tun. „Himmelskomiker“ ist laut Thünemann eine der freundlicheren Bezeichnungen, mit denen er bedacht wird.

“Wir haben ein Aussageverweigerungsrecht.“

Seine Position – und die seines katholischen Kollegen – ist eine ganz besondere in der JVA. „Die Jugendlichen kommen zu uns, weil wir ein Aussageverweigerungsrecht haben und an das Schweigegelübde gebunden sind“, so Thünemann. Anders als etwa ein Arzt kann er nicht von seiner Schweigepflicht entbunden werden. Bevor Jugendliche in Nordrhein-Westfalen im Gefängnis landen, sind sie durch viele Hände gegangen – Jugendamt, Sozialpädagogen, Psychologen, Streetworker. Und überall werden sie bewertet und eingestuft. „Wenn sie zu uns kommen, haben sie zum ersten Mal das Gefühl, dass anschließend nichts über sie in eine Akte eingetragen wird“, beschreibt Thünemann einen weiteren Grund, warum die Gefängnisseelsorge nicht nur in der JVA Herford, sondern generell bei Insassen einen hohen Stellenwert hat.

Den ersten Kontakt zu den Häftlingen initiieren die Seelsorger. An jedem Mittwoch gehen sie im so genannten Zugangscafé auf die Jugendlichen zu, die in der Vorwoche neu in die JVA gekommen sind, stellen sich selbst und ihre Arbeit vor und lernen die Neuzugänge kennen. Dabei geht es erst einmal ganz bewusst nur um persönliche Dinge, nicht um die Straftaten. Danach geht die Initiative von den Insassen aus. Wer ein Gespräch wünscht, muss einen entsprechenden Antrag stellen. Einzelgespräche mit Thünemann und seinem katholischen Kollegen sind sehr gefragt, die Wartezeit beträgt nicht selten vier bis sechs Wochen.

Auch muslimische Insassen kommen zu ihm

Das Angebot nutzen längst nicht nur gläubige Christen. Die Jugendlichen, so Thünemann, hätten oft gar keine Beziehung zu Religion und würden im Gefängnis zum ersten Mal gelebte Spiritualität erfahren. Auch muslimische Insassen kommen zu ihm. Eine kulturelle und religiöse Begleitung kann er in diesem Fall zwar nicht leisten, er kann ihnen aber helfen, sich mit ihrem Leben und ihrer Straftat auseinanderzusetzen.

Die Kirche in der JVA ist nicht nur ein Ort des Zuhörens, sondern der Diskussion.

In den Gesprächen folgt Thünemann dem Leitsatz, die Jugendlichen so lange über ihr Leben reden zu lassen, bis sie sich selbst verstehen. Dennoch ist er mehr als nur ein Zuhörer. Er stellt manchmal auch unbequeme Fragen oder „irritiert“ seinen Gesprächspartner, indem er die Opferperspektive einnimmt. Die Themen, die die jungen Häftlinge beschäftigen, unterscheiden sich kaum von denen in einer „normalen“ Kirchengemeinde: Ablösung vom Elternhaus, Beziehungen, Trennungen, Tod eines Familienmitglieds. Immer wieder beeindruckt ist der Seelsorger von der hohen Sensibilität der Jugendlichen. Sterbe etwa ein Elternteil eines Insassen, reagierten die Mithäftlinge sehr mitfühlend. Wie die Trauer wird auch die Freude geteilt, wenn ein Insasse beispielsweise Vater wird.

Zur Sprache kommen in den Sitzungen natürlich auch die Straftaten. Sehr präsent sind laut Thünemann das Thema Sucht und die damit verbundene Beschaffungskriminalität. Schwieriger ist es bei Sexualdelikten oder Mord. „Die Jugendlichen wollen darüber reden, wissen aber nicht wie.“

Es entsteht oft eine enge Beziehung

Im Laufe der Gespräche entsteht oft eine enge Beziehung zwischen Seelsorger und Insassen. Das ist nicht immer leicht für Thünemann, etwa wenn er sich mit Neonazis auseinandersetzen muss. „Da fällt es einem manchmal schwer, den Kontakt aufrecht zu erhalten“, gibt er zu. Seine Meinung behält er in solchen Situationen auch nicht für sich. Er sagt ihnen ganz deutlich, was er von ihrer Gesinnung hält, und war anfangs erstaunt, dass sie trotz seiner Kritik wieder kommen. „Ich glaube, dass die Jugendlichen eine ehrliche Reaktion zu schätzen wissen“, so Thünemann.

Die allsonntäglichen Gottesdienste, in denen Ereignisse der vorangegangenen Woche thematisiert werden, sind in der JVA sehr viel dialogorientierter als in den meisten Kirchengemeinden. Es entwickelt sich immer ein Gespräch. Etwa 50 Jugendliche nehmen im Schnitt daran teil. Kein schlechter Wert bei 270 Insassen.

Neben der „alltäglichen“ Seelsorge ist Thünemanns Schwerpunkt ein Seminar für junge Väter. Die Jugendlichen lernen dort den richtigen Umgang mit einem Baby, erfahren alles über ihre Rechte und Pflichten als Vater und befassen sich mit Erziehungsstilen.

Einige wollen mit Religion nichts zu tun haben

Als Gefängnisseelsorger ist der Espelkamper nicht nur für das Seelenleben der Insassen zuständig, sondern auch für die Bediensteten. Auch hier sind die Reaktionen unterschiedlich. Einige wollen mit Religion nichts zu tun haben, andere nehmen seine Unterstützung gerne an. Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen fordert Thünemann auch immer wieder eine ethische Diskussion über den Umgang mit den Inhaftierten ein. Die Bediensteten seien im Allgemeinen dankbar für diese Impulse, spricht der Seelsorger von einer guten Zusammenarbeit aller Bereiche in der JVA. Ziel aller Bemühungen ist die Resozialisierung der jungen Straftäter, die zu 99 Prozent irgendwann in die Freiheit zurückkehren und dann eine Chance in der Gesellschaft haben sollen.

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