Matthias Schlicht nimmt den alltäglichen Wahnsinn und die Kirche aufs Korn

Von eiskalten Tentakeln und erregierten Nasen

Diese Mimik braucht eigentlich gar keine Worte: Kabarettist und Pfarrer Matthias Schlicht begeisterte die Zuschauer in der Weher Auferstehungskirche mit seinem Programm „Glaubenspfeffer“.  - Fotos: Russ

Wehe - Von Melanie Russ. Der Blick, die Mimik, die Gestik – damit allein schafft es Kabarettist Matthias Schlicht schon, seinem Publikum spontane Lacher zu entlocken. Gepaart mit einem ausgefeilten Wortwitz und wohlgesetzten Pointen bescherte er seinen Zuhörern in der Weher Auferstehungskirche am Samstag einen äußerst unterhaltsamen Abend.

Diese Mimik braucht eigentlich gar keine Worte: Kabarettist und Pfarrer Matthias Schlicht begeisterte die Zuschauer in der Weher Auferstehungskirche mit seinem Programm „Glaubenspfeffer“.  - Fotos: Russ

Humorvoll, manchmal auch bissig, aber nie verletztend oder in Blödelei abrutschend, widmete er sich dem alltäglichen Wahnsinn in Dörfern und Kleinstädten und scheute auch nicht davor zurück, seinem eigentlichen Arbeitgeber, der lutherisch-evangelischen Landeskirche, den ein oder anderen Seitenhieb zu versetzen. Der in Buxtehude tätige promovierte Pfarrer war auf Einladung des Rahdener Kulturvereins Kul-Tür mit seinem Programm „Glaubenspfeffer“, das auf seinem gleichnamigen literarischen Erstlingswerk basiert, nach Wehe gekommen.

Bevor er sich über das Weltliche amüsiert, kehrt Schlicht vor der eigenen Kirchentür. Es geht wie so oft ums Geld. Woher soll man's nehmen, wenn der allein schon wegen seines muffigen Geruchs gerne auf Abstand gehaltene Klingelbeutel leer bleibt? Die Lösung ist einfach: Glücksspiel! Genauer gesagt Hütchenspiel. Drei Becher, ein Schluck Wasser, mehr braucht es nicht. Die versammelte Gemeinde darf gegen Bares darauf wetten, in welchem Becher sich das Wasser befindet. Der Clou: Die Kirche gewinnt immer, denn „nur Pastoren können so lange sabbeln, bis das Wasser verdunstet ist“. So sind ruckzuck 1 000 Euro im Sack.

Pfarrer Matthias Schlicht ist aber auch das Weltliche nicht fremd. Zum Beispiel das Ritual, sich „bettfertig“ zu machen. „Kennen Sie diesen Ausdruck noch?“, fragt Schlicht in die Runde. Er kennt ihn von seiner Frau. Abend für Abend beobachtet er sie, voller Vorfreude im Bett sitzend, bei ihren Vorbereitungen. Doch die Vorfreude fällt schnell in sich zusammen, wenn sich die Dame mit zwei „eiskalten Tentakeln“ an den Gatten schlängelt. Das geht auf Dauer nicht so weiter. Und was macht ein Mann bei Problemen? Er geht in den Baumarkt – und kommt im Fall des Pfarrers mit Glaswolle für die kalten Füße der Gattin zurück.

Der Kabarettist weidet sich gerne an Klischees, und so kommt er von Frauen und kalten Füßen nahtlos aufs Thema Haare. Viele hat er nicht mehr, wie er offen zugibt, doch hin und wieder müssen sie halt doch gestutzt werden. Wehmütig erinnert er sich an die Zeit der Herrensalons mit Bierkiste hinter dem Vorhang und Herrenmagazinen auf dem Tisch. „Frauen durften da nicht rein.“ Heute ist alles unisex und Mann geradezu umzingelt von neugierigen Frauen. „Da kriegt man ja einen Fön!“

Und dann ist da noch der exzentrische Landadlige mit Hang zu – vor allem nach Herkunft und Jahrgang – edlen Tropfen. Scharfzüngig amüsiert sich Schlicht über das Ritual des Weinverkostens, das Bewundern der Farbe, das Erschnuppern des Bouquets („Das war das erste Mal, dass ich eine erregierte Nase gesehen habe.“) und das schmatzende Schwelgen im Geschmack, um den armen Edelmann mit einem dahingeworfenen „er möpselt im Abgang“ in tiefe Verzweifelung zu stürzen. Hätte es der Adlige doch nur wie der bodenständige Pfarrer gehalten, der Wein nach dem Wesentlichen beurteilt: „schmeckt“ oder „schmeckt nicht“.

Ähnlich einfach fällt die Bewertung des Kabarettabends aus: „gefällt“ oder „gefällt nicht“? Die rund 90 Zuschauer in der Weher Auferstehungskirche waren sich einig: gefällt – und zwar sehr.

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Besucher erleben Zauber der Leverner Weihnachtswelt

Besucher erleben Zauber der Leverner Weihnachtswelt

Digitalisierung der Ortsgeschichte schreitet voran

Digitalisierung der Ortsgeschichte schreitet voran

Sattelzüge prallen zusammen

Sattelzüge prallen zusammen

Weihnachstmärkte am 3. Advent 

Weihnachstmärkte am 3. Advent 

Kommentare