Viertklässler erleben bei szenischer Lesung die Geschichte eines Auswanderers / Kinder direkt ins Geschehen eingebunden

Aufbruch von Deutschland nach Amerika

Diese Szene kam bei den Schülern besonders gut an: Schauspielerin Franziska Mencz schlüpfte in die Rolle eines Kapitäns, ging durch die Zuschauerreihen und verschrieb Pfefferminzbonbons als „Medizin“. - Fotos: Schmidt

Rahden - Die Autorin Anke Bär nahm am Mittwoch alle Rahdener Viertklässler in einer szenischen Lesung im Bahnhof mit auf eine Reise nach Amerika. Zusammen mit Schauspielerin Franziska Mencz erzählte sie von einem 17-Jährigen, der im Jahr 1872 seine Heimat hinter sich lässt und in ein fremdes Land auswandert. Auf Einladung des Rahdener Kulturvereins Kul-Tür las Bär aus ihrem Buch „Wilhelms Reise. Eine Auswanderergeschichte“ vor.

In einer ersten Vorstellung hatte Kul-Tür die vierten Klassen der Grundschulen aus Rahden und Pr. Ströhen eingeladen. Danach waren die Schüler aus Varl, Tonnenheide und Wehe an der Reihe. Gebannt verfolgten die Kinder die Geschichte von Wilhelm. Sie hörten von seinem alten Leben im Spessart, dem lauten Durcheinander am Hafen von Bremerhaven und von einer wochenlangen Überfahrt an Bord der „Columbia“ nach Amerika.

Bär und Mencz spickten die spannende Erzählung mit historischen Informationen. So erklärten sie zum Beispiel, dass es im Spessart um 1870 viele arme Familien gab, da das Ackerland nicht für alle gereicht habe. Oder dass Reisende auf den großen Segelschiffen oft von Übelkeit, Bettwanzen und Verstopfung geplagt worden seien.

Die Autorin und die Schauspielerin wechselten sich beim Lesen ab und ergänzten sich durch Bewegungen oder Geräusche gegenseitig. Als Anke Bär zum Beispiel von einem Gewitter auf hoher See erzählte, erzeugte Mencz mit einem dünnen Blech donnernde Geräusche. Und als es in der Geschichte um schlechte Laune an Bord während einer tagelangen Flaute ging, wandten sie sich voneinander ab und meckerten sich gegenseitig an.

Für Erklärungen oder Anmerkungen legte das Duo das Buch auch mal zur Seite und sprach die Kinder direkt an. Eine Szene, die bei den jungen Zuschauern besonders gut ankam: In der Rolle des Kapitäns, damals zugleich der Mediziner, ging Franziska Mencz durch die Reihen und verteilte Pfefferminzbonbons als „Medizin“.

Nach der Vorstellung erklärte Anke Bär den Jungen und Mädchen die Parallelen zwischen Menschen wie Wilhelm und den Flüchtlingen, die derzeit in Europa ankommen. „Die Deutschen sind im Ausland über viele Jahre hinweg immer wieder aufgenommen worden“, veranschaulichte sie.

Auch Kul-Tür-Vorsitzende Monika Büntemeyer griff das Thema Flucht auf. Die Geschichte von Anke Bär entführe zwar in eine ganz andere Zeit, „wir finden aber, das Thema Auswanderung ist noch heute interessant“, sagte sie. Außerdem habe es einen lokalen Bezug: Auch Familien aus Rahden hätten Vorfahren, die nach Amerika ausgewandert seien.

Kul-Tür hofft, dass sich die Kinder nach der Veranstaltung besser vorstellen können, wie es heute Menschen ergeht, die ihre Heimat aus großer Not heraus verlassen müssen. Um das Thema zu vertiefen, hat der Rahdener Kulturverein einen freiwilligen Schreibwettbewerb für die Viertklässler ausgeschrieben. Die Aufgabe dabei lautet: „Stellt euch vor, ihr würdet in ein anderes Land auswandern.“

Das Buch „Wilhelms Reise. Eine Auswanderegeschichte“ war 2013 für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Autorin Anke Bär hat im deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven gearbeitet. - ks

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