Angeklagter fährt ohne Führerschein Auto

Keine passende Strafe für 20-Jährigen

Rahden/Löhne/Minden - Was passiert, wenn ein Straftäter aus gesundheitlichen Gründen keine Arbeitsauflagen erfüllen kann und zu arm ist, um eine Geldstrafe zu zahlen? Vor dieser Frage standen beim Amtsgericht Rahden nun Richter Hagenkötter und die Staatsanwältin. Es ging um einen 20-Jährigen, der sich zwei Mal ohne Führerschein hinters Steuer seines Autos gesetzt haben soll.

Am 20. Mai 2015 ist der junge Mann laut Anklage in Löhne ohne Fahrerlaubnis gefahren und dabei mit einer Person zusammengestoßen. „Ich saß in meinen Auto und war am Rauchen“, erklärte der Mann die Ausgangssituation. Dann hätten drei Männer seinen Wagen umzingelt. Der eine sei sogar mit „ausgebreiteten Armen vor das Auto gesprungen“.

Der Angeklagte schilderte, dass er zwei Optionen gehabt habe: „Stehenbleiben und Leib und Leben riskieren“ oder „Gas geben“. „Dann habe ich Gas gegeben“, erinnerte er sich. „Ich kenne diese Leute von früher“, beschrieb der 20-Jährige die Männer. „Ich weiß, dass sie so gut wie keine Skrupel haben.“

Auch zum zweiten Vorfall, einer Fahrt ohne Fahrerlaubnis auf der Lübbecker Straße in Minden, äußerte sich der 20-Jährige vor Gericht. „Das klingt jetzt nach einer richtig dummen Ausrede“, begann er. Sein Kühlschrank sei leer gewesen und er habe „riesigen Hunger“ gehabt. „Deswegen wollte ich zu Mc Donalds“, erklärte er. Mittlerweile sei er reifer, versicherte er.

Aus einem Bericht über den Angeklagten, den Richter Hagenkötter vorlas, ging hervor, dass der 20-Jährige eine schwere Kindheit hatte. Er habe unter anderem unter dem frühen Verlust seiner Eltern gelitten. Außerdem sei er oft umgezogen, habe aber nirgendwo richtig Fuß fassen können. Der Angeklagte kam dem Bericht zufolge mit allen Arten von Drogen in Kontakt und hat Motivations-Störungen sowie Depressionen.

Der Angeklagte bestätigte die psychischen Störungen. „Ich schaffe es nicht einmal, morgens aufzustehen“, erklärte er. Alltägliche Dinge wie Wäschewaschen seien für ihn eine Herausforderung. „Es ist nicht nur eine Null-Bock-Einstellung“, verdeutlichte er. An Arbeit sei nicht zu denken. Der Angeklagte lebt von Hartz IV und hat nach Abzug von Verbindlichkeiten im Monat weniger als 300 Euro zur Verfügung.

„Mit den üblichen Sanktionen kommen wir nicht weiter“, stellte die Staatsanwältin fest. Mit einer Geldstrafe würde man ihm „die Luft zum Leben“ nehmen. Auf 80 Euro könnte er monatlich noch verzichten, hatte der Angeklagte ausgerechnet. Doch die Staatsanwältin blieb bei ihrer Meinung. „Wir haben nicht die richtige Maßnahme für Sie“, unterstrich sie. Die Staatsanwältin schlug vor, das Verfahren gegen Auflage einer Therapie einzustellen. Der Vorschlag wurde angenommen.

Der Angeklagte soll nun eine Gesprächstherapie machen – eine Maßnahme, die er sowieso geplant hatte. „Ich bin selber auch der Meinung, dass ich an meiner Psyche arbeiten muss“, sah er ein. Die Juristin mahnte, die milde Auflage nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Noch ein Fehltritt und ihm drohe eine Haftstrafe, da er bereits vorbestraft ist. Richter Hagenkötter merkte an, dass der Angeklagte schon durch den Verlust seines Autos gestraft sei. Das wurde als „Tatwaffe“ eingezogen und wird nun vernichtet.

„Sollten sie noch einmal in die Nähe eines Fahrzeuges kommen, dann...“, begann Hagenkötter einen abschließenden Satz. Der Angeklagte vervollständigte diesen, bevor ihn der Richter zu Ende bringen konnte: „...dann nur auf der Beifahrerseite.“

ks

Rubriklistenbild: © Mediengruppe Kreiszeitung

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