Förderschullehrer des Kompetenzzentrums ziehen positive Bilanz / Projekt an Pr. Ströher Grundschule erfolgversprechend

„Es profitieren alle davon!“

Auch Lea-Marie, Nathalie und Ronja, die keine sonderpädagogische Förderung benötigen, profitieren von der Anwesenheit des Förderschullehrers Hendrik Gepp.

Pr. Ströhen - (art) · Wenn Erstklässlerin Lysanne (6)* (Name geändert) im Unterricht der ersten Klasse in der ev. Grundschule Pr. Ströhen sich mit ihrem Federmäppchen oder sonstigen Gegenständen ablenkt, hilft meist ein kleiner Anstupser von Förderschullehrer Hendrik Gepp, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Tafel zu lenken.

       Fast jeder Reiz bewirkt bei dem Mädchen eine Ablenkung. Kinder wie Lysanne mit Lern- oder Verhaltensauffälligkeiten gibt es viele. Mittels individueller Förderung können sie mitunter die gleichen Lernerfolge erzielen wie ihre Altersgenossen. Je nach Stärke der Auffälligkeiten wurde bisher ein Besuch spezieller Förderschulen erforderlich. Basierend auf den UN-Menschenrechtskonventionen hat sich die Bundesregierung 2009 entschlossen, mit der Errichtung von Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung eine Beschulung von Kindern mit erhöhtem Förderbedarf in den Regelschulen zuzulassen. Auch das Land Nordrhein-Westfalen hat ein, zunächst bis 2011 ausgelegtes Pilotprojekt, ins Leben zu rufen.

Mittlerweile gibt es in Nordrhein-Westfalen rund 30 Modellregionen, auch der Kreis Minden-Lübbecke hat sich vor diesem Pilotprojekt nicht verschlossen. Mit einem Kompetenzzentrum (KSF), das vom Förderschulverband Espelkamp-Rahden-Stemwede mitgetragen wird, wird ein Umdenken signalisiert, wenn es darum geht, Kindern mit besonderem pädagogischen und sozio-emotionalen Förderungsbedarf Lernerfahrungen inmitten ihrer Lebenswelt aufzuschließen und eine selbstverständliche Integration in die Gesellschaft zu erleichtern. Fast alle Grundschulen in den drei Städten und Gemeinden sind in dieses Projekt involviert und werden von insgesamt fünf Förderschullehrern betreut.

Beratung, Prävention, Diagnostik und sozialpädagogische Förderung sind im KSF vereint. In den Prozess werden Eltern, Lehrerkollegen und sonstige in Fördermaßnahmen eingebundene Personen einbezogen, wie beispielsweise die Lesepaten an der Grundschule in Pr. Ströhen. „Wir suchen zusätzliche Aktive, da wir gemerkt haben, wie wertvoll solch eine Förderung ist“, so Schulleiterin Bettina Wehebrink. „Neben sprachlicher Förderung sind hierbei auch die emotionale Zuwendung, Kommunikation und soziale Interaktion Aspekte, die sich positiv auf die Kinder auswirken.“ Immer stärker treten der Vernetzungsversuche der Fördermöglichkeiten in den Vordergrund. Ergotherapeuten, Logopäden, Kinderpsychologen und -ärzte werden eingebunden, Kinderfrühfördermöglichkeiten weitreichend ausgeschöpft und die Zusammenarbeit mit den Kindergärten intensiviert. „Die Kinder werden beim Schuleintritt immer jünger, die Entwicklungsstörungen und massiven Probleme häufen sich“, so Bernd Porps, der gemeinsam mit seinem Kollegen Gepp als Förderschullehrer in der Pr. Ströher Grundschule aktiv ist. „Für die Vorschüler ist eine gute Gestaltung des Übertritts ins Schulleben daher sehr bedeutsam“.

„Noch machen sich Angst und Verunsicherungen unter Eltern und Lehrkräften der Regelschulen breit“, weiß Porps zu berichten. „Kann mein Kind sich „normal“ in einer Regelschule entwickeln, wenn besonders förderbedürftige Kinder eventuell das Unterrichtspensum bremsen?“, fragen sich viele Eltern. „Kann ich als Regelschullehrer adäquat mit den veränderten Situationen umgehen, die ein besonderes Einwirken auf jene Schülergruppe erfordern?“, haben viele Pädagogen Angst, überfordert zu sein. Die Kollegen und auch die Eltern merken nach und nach, dass alle von diesem Modell profitieren können. „Die Hemmschwelle sinkt deutlich, Kinder zu melden, die einen verstärkten Förderbedarf haben“, berichtet Bettina Wehebrink. „Die Angst, vielleicht für immer als Förderschüler stigmatisiert zu sein, besteht in diesem Sinne nicht mehr.“ Oftmals reicht schon eine zusätzliche Förderung über einen kurzen Zeitraum aus. Die zusätzlichen Lehrkräfte werden in den Klassen herzlich aufgenommen. Denn sie beschäftigen sich nicht nur mit ihren „Problemkindern“. „Kinder ohne Auffälligkeiten werden ebenso in die Aktivitäten einbezogen, erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit und lernen Vieles zusätzlich, was ihnen sonst nie begegnet wäre,“ so Wehebrink.

Was in den Grundschulen als Modellprojekt begonnen hat, soll bei Erfolg von Jahr zu Jahr begleitend bis in die weiterführenden               Schulen hineinreichen. „Ein Umdenken in der Bildungslandschaft ist hierzu unumgänglich“, betont Porps. Reduzierung der Klassengrößen, Erhöhung der sonderpädagogischen Stundenzahl, Schaffung von Räumlichkeiten für die Einzelförderung und auf lange Sicht auch die Schaffung von barrierefreien Schulen seien unabdingbar. „Förderschulen ganz zu streichen ist nicht das Ziel, das mit der Einrichtung der KSF angestrebt wird. In ganz schwierigen Fällen haben diese nach wie vor eine immense Bedeutung“, so Porps weiter. Wichtig sei es jedoch, wenn Förderschulen geschlossen würden, die Einsparungen in die Regelschulen fließen zu lassen. Finanziell wie auch personell. Denn durch solche Fördermaßnahmen können Kinder wie Lysanne, bei der eine hohe Intelligenz und schnelle Lernfähigkeit festgestellt wurde, eine ganz normale Schullaufbahn und den Weg ins Berufsleben bewältigen, wenn sie professionell begleitet werden.

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