Tattoo-Aktion in Gedenken an die 16-jährige Stefanie / Buch über ihre letzten 296 Tage

Eine Botschaft für die Ewigkeit

+
Worte, die bleiben: Die 33-jährige Petra Kolbeck lässt sich von Leni Eisenhauer den Schriftzug „Gott, Du kannst ein Arsch sein“ tätowieren. Stefanie Dengs hält ihre Hand.

  - Von Mareile Kurtz. „Gott, Du kannst ein Arsch sein.“ Auf den ersten Blick klingt diese Aussage nicht nach einem besonders lebensbejahenden Motto. Doch es gibt Menschen, die das anders sehen. Nämlich die Leser des Buches „Gott, Du kannst ein Arsch sein – Stefanies letzte 296 Tage“, in dem ein an Krebs erkranktes 16-jähriges Mädchen von dem Ende ihres jungen Lebens berichtet. Für sie, die Leser, hat dieser Satz eine tiefere Botschaft. Eine Botschaft, die Anja Urban, Petra Kolbeck, Stefanie Dengs und Frank Pape für so wichtig halten, dass sie sich diese nun eintätowieren ließen.

„Das Buch muss gelesen werden! Egal ob man krank oder gesund, Mann oder Frau, 13 oder 80 Jahre alt ist – an Stefanie kann sich jeder ein Beispiel nehmen!“, erklärt die 36-jährige Anja Urban mit zusammengebissenen Zähnen, während ihr Tätowiererin Nise Eisenhauer schwarze Tinte in den linken Unterarm jagt. Die zweifache Mutter, die selbst an Krebs erkrankt ist, war extra aus der Nähe von Berlin angereist, um an der Tattoo-Aktion im Studio „Tattoo Family Eisenhauer“ in Minden – die zeitgleich auch in einem anderen Tattoo-Studio in Saarbrücken lief – teilzunehmen. Stefanies Geschichte habe ihr Kraft und Mut gegeben, durch das Buch sei sie wieder „aus ihrem Schneckenhaus herausgekommen“.  

Initiiert wurde das ungewöhnliche Treffen, bei dem sich insgesamt vier Personen „Gott, Du kannst ein Arsch sein“ auf verschiedene Körperstellen tätowieren ließen, von Frank Pape aus Pr. Oldendorf. Der 45-Jährige arbeitet seit vielen Jahren in der Präventions- und Jugendarbeit sowie ehrenamtlich im Hospiz und als Notfallseelsorger für die Feuerwehr. Pape kannte Stefanie bereits seit frühester Kindheit. Schon als kleines Mädchen sei sie oft vorbeigekommen, um Zeit mit den Pferden zu verbringen. Wie Frank Pape wohnte auch Stefanie in einem kleinen Vorort von Münster. Vor drei Jahren zog die Familie Pape dann nach Pr. Oldendorf. Stefanie kam oft zu Besuch verbrachte hier auch ihre letzte Zeit.

In ihren letzten 296 Tagen begleitete der Seelsorger Stefanie und ihre Familie ganz intensiv und half der 16-Jährigen dabei, ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Das Buch sei kein reines Tagebuch, sondern zum Teil auch fiktives oder ausgeschmücktes Wunschdenken, in dem die 16-Jährige ihre Gefühle verarbeiten konnte, und zudem „eine reine Herzensangelegenheit“. Sämtliche Verkaufseinnahmen gehen an Stefanies 14-jährige Schwester Lola. 

Stefanie sei sehr mutig, rebellisch und auch voller Liebe gewesen, beschreibt Pape. Sich den Satz „Gott, Du kannst ein Arsch sein“ eintätowieren zu lassen, gehörte neben einem Disco-Besuch mit ihren beiden besten Freundinnen, einer Reise nach New York und Paris sowie einem Ausritt in die Heide zu den letzten Wünschen der Teenagerin. Er gehörte zu den wenigen, die ihr noch erfüllt werden konnten. Da die an Lungenkrebs erkrankte Stefanie zum Schluss nur noch 38 Kilo wog und kaum mehr Fettgewebe hatte, musste ihr der Satz anstatt auf den Arm allerdings auf den Bauch tätowiert werden, was das Cover ihres Buches veranschaulicht.

Warum nun die Tattoo-Aktion in Minden und Saarbrücken? „Ich habe Stefanie versprochen, mir den Satz ebenfalls eintätowieren zu lassen“, so Pape schlicht, der sich den prägnanten Satz auf die Brust hat stechen lassen, wo er nun bis zu seinem Tode direkt „über seinem Herz“ prangt. „Außerdem finde ich die Botschaft gut.“ Die Botschaft, das sei freilich nicht der reine Vorwurf an Gott. Vielmehr solle man sich bewusst machen, dass es eben jederzeit sein könne, dass Gott ein Arsch ist, sprich etwas Unerwartetes passiert, das Leben gar ganz plötzlich zu Ende geht. Dementsprechend solle man das Leben nicht für selbstverständlich nehmen und all die Momente, in denen Gott kein Arsch ist, ganz bewusst und voller Dankbarkeit genießen. Seine Lebenseinstellung habe sich durch die Zeit mit Stefanie komplett geändert, sagt Pape, und es freue ihn sehr, dass das Buch, das im Februar 2015 im Eigenverlag erschienen ist, nun so weite Kreise zieht und die Botschaft weitergetragen wird. Unter anderem über die Website www.296Tage.de und die entsprechende Facebook-Gruppe, über die auch die Tattoo-Aktion in Minden organisiert worden ist. 

„Durch das Buch finde ich Sterben nicht mehr schlimm“, sagt Petra Kolbeck aus Much bei Köln, 33 Jahre, dreifache Mutter und ebenfalls schwer an Krebs erkrankt, mit Blick auf den soeben skizzierten Schriftzug auf ihrem Bauch. Stefanie Dengs, eine große Frau mit blonden langen Haaren, hält ihre Hand, als sich Petra Kolbeck auf die Liege legt und die Tätowiermaschine zu surren beginnt. Die 47-Jährige aus der Nähe von Krefeld hat selbst keinen Krebs, jedoch „viele Schicksalsschläge in ihrem Leben erlitten“, weswegen auch sie sich den Buchtitel eintätowieren lassen und die Botschaft weitertragen möchte.  

Petra Kolbeck fährt fort: „Dass Stefanie auf einem Strohballen im Kreise ihrer Familie im Stall bei ihrem Pferd sterben konnte, finde ich so schön. Es hat mir bewusst gemacht, dass man bis zum Schluss die Wahl hat und selbst entscheiden kann, wie und wo man gehen möchte.“ Der Schlimmste Tod sei für sie alleine und in einem „Klinik-Klotz“, fügt die junge Frau mit den langen Wimpern noch lächelnd hinzu. „Wenn man gesund ist, macht man sich keine Gedanken über das Leben. Vor zwei Jahren hielt ich mich noch für unsterblich. Nun ist mir bewusst geworden, wie endlich alles ist.“ Durch ihre Krankheit habe sie auch etwas geschenkt bekommen, meint Petra Kolbeck, so paradox das auch klingen mag. Nämlich ein neues Bewusstsein, das ihr die Möglichkeit gebe, alles „viel bewusster, viel realer und viel schöner“ wahrzunehmen. Eine Botschaft, die versöhnlicher klingt, als „Gott, Du kannst ein Arsch sein“ – und dasselbe meint. 

Mehr zum Thema:

Sieben Festnahmen nach Terroranschlag von London

Sieben Festnahmen nach Terroranschlag von London

Südkorea setzt "Sewol"-Bergung fort

Südkorea setzt "Sewol"-Bergung fort

Elternleid und Altersliebe: Neue Hörbücher

Elternleid und Altersliebe: Neue Hörbücher

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Meistgelesene Artikel

Lkw-Anhänger mit Spirituosen brennt ab

Lkw-Anhänger mit Spirituosen brennt ab

Mit Gülle beladener Sattelzug kippt um

Mit Gülle beladener Sattelzug kippt um

Kommentare