Zeitzeugin Henriette Kretz berichtet über Schrecken des Holocaust

„Es bleiben Narben“

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Schülerin Natalia Janicki (links) hat polnische Eltern und half Kretz beim Übersetzen.

Lübbecke - Henriette Kretz hat viel zu erzählen – ein Stück deutscher Geschichte und ihre ganz besondere Lebensgeschichte. Fast wie durch ein Wunder überlebte sie den Holocaust als jüdisches Kind. Bereits zum zweiten Mal hatte Andrea Gürtler, Vorsitzende der Fachkonferenz Politik, die zierliche Dame aus Antwerpen ins Berufskolleg Lübbecke eingeladen.

Sie sei viel in Schulen unterwegs, so Kretz, um jungen Menschen zu zeigen, dass Hass und Ausgrenzung zu grausamen Taten führen, wie sie sie selbst als Kind erleben musste. Ihrem freundlichen Auftreten nach konnte man sich kaum vorstellen, dass sie Gefängnis und Tyrannei erfahren hat. „Es bleiben Narben“, sagte sie auf die Frage, wie sie die Erlebnisse hat verarbeiten können. Aber sie hat weitergelebt, eine Familie gegründet, Kinder und Enkelkinder bekommen. Mit ihrem Onkel, beide waren die einzigen Überlebenden in der Familie, ging sie nach Antwerpen, wo sie noch heute lebt.

Was fühlt ein Kind, wenn sein Leben bedroht ist, war die Ausgangsfrage der 1934 in Lemberg, Polen geborenen Arzttochter. Dann erzählte sie von ihrer glücklichen Kindheit in Polen bis zur Machtergreifung, von dem russischen Kindergarten, den sie besuchte, und von ihrem Kindermädchen, das sie mit in die christliche Kirche nahm. Das Idyll wurde getrübt durch die Maßnahmen gegen jüdische Bürger. Ihr Vater verlor seine Stelle als Direktor einer Erholungsanstalt für Tuberkulosekranke, sie durfte als Jüdin nicht die Schule besuchen, Juden mussten eine weiße Armbinde tragen und in so genannte jüdische Viertel ziehen.

Doch auch dort konnte die Familie nicht bleiben. Sie wurde abgeführt. Henriette Kretz verbrachte einige Monate bei einer Freundin der Familie, kam dann aber mit acht Jahren ins Gefängnis. Ghettoaufenthalte und das Versteck bei einem ukrainischen Feuerwehrmann waren düstere Kapitel in ihrer Kindheit. Ein Winter im dunklen Kohlenkeller, nach dem der Aufenthalt auf dem Dachboden paradiesisch anmutete. Dann die Nachricht, die Deutschen hätten den Krieg verloren, wodurch die Familie Hoffnung auf Befreiung schöpfte. Schließlich musste sie doch erleben, wie ihre Eltern erschossen wurden und landete im Waisenheim.

Eine erschütternde Geschichte, aber auch hoffnungsvoll insofern, als es doch „Helden“ gab, die ihr Leben riskierten, indem sie Juden vor der Vernichtung retteten.

Kretz suchte immer wieder den Kontakt zu den Schülern, stellte ihnen Fragen und band sie ins Geschehen ein, indem sie sie etwas vorlesen ließ. Die Veranstaltung endete mit viel Applaus. Kretz ist Mitglied im Maximilian-Kolbe-Werk. Der Erlös aus dem Verkauf ihres Buches „Willst Du meine Mutter sein?“ ging an den Verein, der sich um die Überlebenden des Holocaust kümmert.

IL

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