Staatsanwalt fordert zehn Jahre Haft / Urteil am 27. März erwartet

Fall Meyer: Angeklagter freigelassen

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bielefeld/Hüllhorst - Als die Vorsitzende Richterin Jutta Albert gleich zu Verhandlungsbeginn eine knappe Erklärung abgab, herrschte ungläubige Stille im Saal. „Der Haftbefehl gegen den Angeklagten wird aufgehoben“, hatte sie gesagt. Der 46-Jährige, der den Hüllhorster Masseur Karl Friedrich Meyer vor mehr als zwei Jahren umgebracht haben soll und 370 Tage in Untersuchungshaft saß, war gestern um 9.15 Uhr ein freier Mann.

Die Kammer hatte sich Dienstag zu einer „umfangreichen Zwischenberatung“ getroffen, wie Richterin Albert berichtete. Die Erkenntnisse aus dem Prozess, der am 21. Juli 2014 begann und seit 19 Verhandlungstagen andauert, seien noch einmal ausführlich gesichtet worden. „Und manchmal muss man das Ergebnis noch einmal überschlafen“, sagte Albert. Eine Haftbeschwerde lag nach Angaben der Anwälte nicht vor. Demnach muss die Kammer zu der Auffassung gelangt sein, dass ein dringender Tatverdacht gegen den Bad Oeynhausener nicht mehr vorliegt.

Neben der Aufhebung des Haftbefehls verschob das Gericht die meisten Plädoyers sowie die Urteilsverkündung um sechs Wochen. Anstatt am 16. Februar soll der Prozess nun am 27. März enden.

Der Angeklagte, der den Gerichtssaal bislang nur durch eine gesicherte Tür und in Begleitung von Justizwachtmeistern betreten durfte, durchquerte nach einer Verhandlungsunterbrechung ohne vernehmbare Reaktion den Raum und wartete im Gerichtsflur auf seine Anwälte. Nach Manier jubelnder Sportler tanzten die drei Männer im Kreis und ließen ihren Gefühlen für einige Sekunden freien Lauf. Die Schwester des Verschwundenen und Nebenklägerin hatte ebenfalls den Saal verlassen und beobachtete die Szene mit skeptischen Blick.

„Es gibt keine Leiche, es gibt kein Auto, es gibt nichts“, sagte Verteidiger Holger Rostek nach Verhandlungsende. Auch das stärkste Indiz der Staatsanwaltschaft – die Rolex Armbanduhr Meyers, die de Angeklagte nachweislich zehn Tage nach dessen Verschwinden verkaufte – ließ der promovierte Jurist nicht gelten. „Warum sollte mein Mandant die Dummheit begehen, die Uhr eines Toten nur Tage später zu verkaufen“, sagte Rostek, der in den Raum stellte, dass der 46-Jährige nicht wusste, dass Karl Friedrich Meyer die Rolex am Tag seines Verschwindens am Handgelenk trug.

Wie geplant, hielt Staatsanwalt Veit Walter auch sein Plädoyer. Er räumte ein, dass man sich schwer getan hätte, in diesem Indizienprozess „zu einer Sachverhaltswürdigung“ zu kommen. Die Staatsanwaltschaft habe keine Erkenntnisse darüber, wie oder wo Karl Friedrich Meyer umgebracht worden sei. Dass er nicht mehr lebt, steht für Walter jedoch außer Frage. Für andere Szenarien – Meyer lebe an einem unbekannten Ort oder habe Suizid begangen – seien keinerlei Indizien aufgetaucht. „Eine Person, die zu Protzerei neigt, verlässt sein bisheriges Leben nicht ohne seine Rolex-Uhren, ohne sein Bargeld und ohne seinen Reisepass“, sagte Walter. Im Prozess war zu Tage gekommen, dass Meyer offenbar jahrelang am Finanzamt vorbei gearbeitet hatte und größere Mengen Bargeld besaß. Auch für einen Suizid konnte die Staatsanwaltschaft keine Hinweise finden.

Veit Walter forderte für den Angeklagten zehn Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags. Zwar könne die eigentliche Tat nicht beschrieben werden, doch die Rolex Submariner sah der Staatsanwalt als starkes Indiz. „Nur durch den Tod Karl Friedrich Meyers konnte der Angeklagte an die Uhr gelangen“, sagte Walter, der als Tatmotiv die Dreiecksbeziehung zwischen Meyer, dessen ebenfalls angeklagten Lebensgefährtin und dem 46-Jährigen angab: „Diese Dreiecksbeziehung konnte der Angeklagte nicht tolerieren.“ Eine ehemalige Freundin des Angeklagten hatte im Prozess glaubhaft dargelegt, wie sehr er zur Eifersucht neige und es deswegen auch zu Handgreiflichkeiten gekommen sei.

Für die Lebensgefährtin des Angeklagten, die ihm ein falsches Alibi für den Tatzeitraum verschafft haben soll und wegen Strafvereitelung angeklagt ist, beantragte die Staatsanwaltschaft einen Freispruch. „Es steht nicht fest, ob die Angeklagte wusste, wann der Angeklagte ihren Lebensgefährten getötet hat“, sagte Meyer.

An weiteren drei Prozesstagen (5. Februar, 26. Februar, 18. März) werden die Nebenklägeranwälte sowie die Verteidigung ihre Plädoyers halten, bevor das Urteil folgt.

tyl

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