Prof. Dr. Rainer Dollase referierte zum Thema „Bildung braucht Beziehung“ / Erziehungsmythen in Frage gestellt

Konkurrenzkampf um Glaubwürdigkeit

Etwa 100 Interessierte hörten den Beitrag zum Thema „Bildung braucht Beziehung“.

Rahden - (hm) · „Ich kann es mit Erziehung und Bildung ganz gelassen sehen, mein Sohn ist inzwischen erwachsen“, startete der im kommenden Monat 67 Jahre alt werdende Prof. Dr. Rainer Dollase seinen Vortrag „Bildung braucht Beziehung“. Das Familienzentrum Rahden im Verbund hatte den Bielefelder Psychologen für das Referat gewinnen können, das auf große Resonanz stieß.

Rund 100 Interessierte, darunter viele Erzieherinnen und Pädagoginnen, hatten am Donnerstagabend den Weg in das evangelische Gemeindehaus in Rahden gefunden, um den lebendigen Beitrag zum Thema Bildung und Beziehung zu hören.

„Der Mensch ist ein Nesthocker, und er braucht andere Menschen um das Leben und Überleben zu organisieren. Für eine gesunde persönliche Entwicklung ist eine sichere Bindung wichtig“, sagte Dollase und weiter: „Jeder Mensch ist in Situationen der Unsicherheit auf Bezugspersonen angewiesen, egal ob jung oder alt, Bindung ist notwendig für die psychische Stabilität.“

Anhand vieler konkreter Beispiele unterstrich Dollase seine Ausführungen zu wissenschaftlichen Ergebnissen der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie.

Er stellte die Mythen über Erziehung und Bildung in Frage: „War früher alles besser?“ Die Gewalt war damalig viel verbreiteter als heute. Bis 1963 wurden Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrern noch mit dem Rohrstock gezüchtigt, Prügeleien auf dem Schulhof waren an der Tagesordnung und das gesamte Lehrerkollegium war auf dem Schulhof als Pausenaufsicht tätig. Heute kann die Aufsicht mit einer oder zwei Personen gemacht werden und trotz Gewalt und Horror im Fernsehen oder bei Videospielen nehmen Gewaltbereitschaft sowie Prügeleien auf dem Schulhof deutlich ab. Heute sei der Nachwuchs intelligenter. Im Schnitt läge der IQ um 20 Punkte höher als in den 50er Jahren, in Mathematik werde mehr verlangt als früher, in der Grundschule bereits Gymnasialstoff vermittelt, mehr Schüler gingen auf weiterführende Schulen und Selbständigkeit nehme zu. Die Bewertungsnormen haben sich geändert und den Schülern sei ein guter Schulabschluss heute wesentlich wichtiger als früher.

Bedeutsam sei ein realistisches Bild von der Welt im Kopf zu haben und sich selbst richtig einzuschätzen. Der Satz „Du kannst es, du musst es nur wollen“ sei absoluter Blödsinn, ein jeder müsse lernen, seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Zwar seien für Kinder Erwachsene notwendig um etwas zu lernen, sie müssten jedoch glaubwürdig sein, doch „der Konkurrenzkampf um Glaubwürdigkeit ist saumäßig schwer“. Der autoritative Erziehungsstil habe hier den größten Erfolg, eben nett und streng verschmolzen. Kompetenz zeigen im angenehm geführten Umgang mit dem Nachwuchs heißt die Devise.

Die Kernpunkte der Erziehung seien zum einen die Erziehung richtig einzuordnen. Erziehung brauche Zeit und erreiche nicht alles, zum anderen sei Erziehung Beziehung. Kinder und Jugendliche haben Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen, sie brauchen Bezugspersonen und Bindung sowie Akzeptanz, Empathie und Kongruenz. Erziehung ist Hilfe zur Lebensbewältigung und sollte liebevoll und konsequent sein. Ebenso wichtig sei es, ein offenes Ohr für die Probleme der Kinder und Jugendlichen, gerade in der Zeit der hohen Anforderungen, zu haben.

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