Bildungsexperte Jörg Dräger plädiert für mehr Qualität im Bildungssystem

„Gute Lehrer machen guten Unterricht“

Vor Lehrern, Kommunalpolitikern und Eltern referierte Jörg Dräger über Fehlentwicklungen und Herausforderungen im deutschen Bildungssystem. ·
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Vor Lehrern, Kommunalpolitikern und Eltern referierte Jörg Dräger über Fehlentwicklungen und Herausforderungen im deutschen Bildungssystem. ·

Rahden - Von Melanie RussGute Schulen sind machbar. Davon ist Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, überzeugt. Doch dafür bedarf es Zeit, großem Engagement der Lehrer – und vor allem Geld. Welche Schritte notwendig sind, um das deutsche Schulsystem konkurrenzfähig zu machen und vor allem den Schülern den Spaß am Lernen zurückzugeben, das legte Dräger am Donnerstagabend in der Aula des Rahdener Gymnasiums dar.

Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich noch immer hinterher hinkt, ist Dräger optimistisch. Denn nach 40 Jahren des Nichtstuns hat mit dem Pisa-Schock 2001 eine beeindruckende Aufholjagd begonnen. „Seither hat kein Land so einen Fortschritt gemacht wie Deutschland“, so Dräger. Zur „Bildungsrepublik“ reicht es aber noch nicht. Vor allem am „unteren Ende“ scheitere das Bildungssystem, sagt Dräger und untermauert das mit zwei Zahlen: Pro Jahr blieben 60 000 Schüler ohne Schulabschluss, rund 150 000 junge Menschen ohne Berufsausbildung.

Der Grundstein für diese traurige Statistik wird laut Dräger meistens schon vor Beginn der Schullaufbahn gelegt. So haben etwa in NRW nur knapp 20 Prozent aller unter Dreijährigen einen Krippenplatz, nur jeder dritte Schüler besucht eine Ganztagsschule. Dabei belegten Studien, dass sich die Gymnasial-Wahrscheinlichkeit gerade bei Kindern aus bildungsfernen Familien oder aus Familien mit Migrationshintergrund dramatisch erhöhe, wenn sie schon mit unter drei Jahren in einer Krippe betreut würden, so Dräger.

Warum ist die Zahl also nicht höher? Für den Bildungsexperten ist die Antwort klar. Es fehlt am Geld. Statt Transferleistungen mit der Gießkanne zu verteilen, was nachgewiesenermaßen keinen großen Effekt habe, müsse mehr direkt in Kitas und die Neuausrichtung des Schulsystems investiert werden. Letzteres müsse sich an die neuen Gegebenheiten (rückläufige Schülerzahlen, mehr Kinder mit Migrationshintergrund, Elternwunsch nach längerem gemeinsamem Lernen, Inklusion) anpassen.

Die äußere Form, etwa Gesamt- oder Sekundarschule, ist dabei für Dräger weit weniger wichtig als eine qualifizierte Lehrerschaft, die noch intensiver von Sozialpädagogen unterstützt wird. „Gute Lehrer machen guten Unterricht“, ist der Bildungsexperte überzeugt und fordert darum, sie mit Weiterbildungen besser für die kommenden Anforderungen zu rüsten. Zugleich müsse man den Mut haben, weniger qualifizierte Lehrer aus dem Unterricht zu nehmen und im Ganztagsbereich anderweitig einzusetzen.

Ganztagsunterricht ist für Dräger eine weitere wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Gehe der Unterricht bis in den Nachmittag hinein, könnten auch am Vormittag Entspannungsphasen eingebaut werden – einzelne Schüler könnten besser gefördert werden.

Mit der Gründung der Sekundarschule geht auch die Stadt Rahden diesen Weg. „Wir werden uns alle an ungewohnte und neue Strukturen und Tagesabläufe gewöhnen müssen“, richtete Bürgermeister Bernd Hachmann seinen Blick in die nahe Zukunft. Nur so könne man den Bedürfnissen der neuen Schülergeneration gerecht werden. „Besonders auf die Lehrer werden sehr anspruchsvolle Herausforderungen zukommen“, weiß Hachmann.

Die angesprochenen Lehrer waren ebenfalls in der Aula vertreten und fanden sich in vielen Aussagen Drägers wieder. „Wir brauchen mehr Unterstützung“, waren sich Realschulleiterin Ursula Radecker und Gymnasiumsleiterin Ingrid von Mitzlaff einig. Unterstützung sei sowohl personell für die intensivere Betreuung einzelner Kinder erforderlich als auch in Form von Weiterbildungen. „Das heterogene Lernen wird in der Lehrerausbildung nicht ausreichend berücksichtigt. Eine Weiterbildung in diesem Bereich ist zwingend“, so Von Mitzlaff.

In Rahden werden sich vor allem die Lehrer umgewöhnen müssen, die an der künftigen Sekundarschule unterrichten werden. Sie stehen vor der Herausforderung, einen ganztägigen Unterricht zu organisieren und für die Schüler individuelle Förderpläne aufzustellen. „Die Anforderungen werden steigen“, weiß Gymnasialleiterin Von Mitzlaff.

Voll und ganz unterschreiben können die Schulleiterinnen auch die Forderung Drägers, die Förderung in Kita und Grundschule zu verstärken. Das könne helfen, viele Probleme von Beginn an zu vermeiden. Von Mitzlaff: „Später doktern wir nur noch an den Problemen herum.“

Für Ursula Radecker ist die frühe sprachliche Förderung das A und O. Viele Schüler könnten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung schon nicht verständen.

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