„Zorn“im Espelkamper Theater entpuppt sich als Problemstück mit Spaßfaktor

Klar, aktuell und bewegend

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Eigentlich ein symphatisches, gutbürgerliches Paar, doch es gibt Diskrepanzen: Patrick (Rufus Beck) und seine Ehefrau Alice (Jacqueline Macaaulay).

Espelkamp - Von Volker Knickmeyer. Wenn bekannte Stars die Espelkamper Theaterbühne betreten, ist ein volles Haus fast garantiert. Nur wenige Plätze blieben am Samstagabend frei und nur deshalb, weil große Schneemengen die Anreise stark behinderten.

Beim modernen Drama „Zorn“ der australischen Autorin Joanna Murray-Smith in der Regie von Harald Clemen spielt Rufus Beck die männliche Hauptrolle. Beck, bekannt aus „Der bewegte Mann“, Maffays Kindermusical „Tabaluga“ und als Einsprecher zahlreicher „Harry Potter“-Bücher. Auch in „Rain Man“ brillierte er bereits in Espelkamp.

Im Stück „Zorn“ spielte Becks Sohn Jonathan, geboren 1991, den 16-jährigen Sohn des mehr oder minder erfolgreichen Buchautors Patrick. Das brillante Werk kann getrost als großer Wurf der Autorin Murray-Smith bezeichnet werden, es überzeugt nicht nur durch eine prominente Besetzung, sondern auch durch verschmitzten Humor und einen Funken Ironie. Obwohl eigentlich ein Drama, wirkte es nicht deprimierend oder belehrend.

Gut bürgerlich und intellektuell, wohl situiert, in der Mitte des Lebens, aber nicht protzig. Etwas unangepasst, der Sohn Einzelkind und nicht zuletzt Bindeglied zwischen Alice und Patrick – so leben die Harpers. Hirnforscherin Alice steht vor einer Preisverleihung für ein bahnbrechendes Medikament. Die junge zielstrebige Journalistin Rebecca (Lena Dörrie) interviewt abwechselnd das vermeintlich erfolgreiche Paar.

Die ersten peinlichen Fragen und Antworten tauchen auf, Rebecca weiß offensichtlich um die Hintergründe des Paares. Schriftsteller Patrick hat für sein Erstlingswerk sieben Jahre gebraucht, stellt sich heraus. In die Vorbereitung der Preisverleihung platzt Sohn Joes Lehrer (Gerd Lukas Storzer) mit der Mitteilung, dass Joe die Moschee im Ort mit Graffiti beschmiert hat. Alice: „Das kann doch gar nicht sein!“ Lehrer Warren: „Doch, wir haben ein Video, er hatte sogar ein Schul-T-Shirt an.“ Bei der Tat war Joes Freund dabei; der sei garantiert der Anführer meinen die Eltern, doch Joe beharrt darauf, aus eigenen Stücken gehandelt zu haben. Er wolle ein Zeichen gegen die Intoleranz des Islam setzen. „Weißt Du eigentlich, wie peinlich das für uns ist?“, fragt Alice Schmierfink Joe.

Das linksintellektuelle Weltbild der Eltern wird brüchig und als Scheinwelt entlarvt. Die Enttarnung des Sohnes kollidiert mit der drohenden Veröffentlichung der befleckten Vergangenheit der Mutter. Das blütenweiße Image ist in Gefahr, schließlich hat die Journalistin Rebecca aufgedeckt, dass Alice als Studentin an einem politisch motivierten Anschlag beteiligt war, bei dem der Vater der Journalistin als Polizist sein Leben verlor.

Besonders deutlich wird diese Entlarvung im Kontrast mit dem Arbeiterehepaar Annie (Isabell Fischer) und Bob (Ulrich Bähnk), den Eltern von Joes Freund und Mittäter. Nicht nur beim Zusammentreffen der Elternpaare entstehen witzige Situationen, die im Publikum gut ankommen.

Alice wird mehr und mehr von Selbstzweifeln geplagt, Jacqueline Macaulay spielt die Rolle der selbstbewussten, erfolgreichen Forscherin und Mutter mit höchsten Ansprüchen hervorragend und ist Beck in der schauspielerischen Qualität durchaus ebenbürtig.

Rufus Beck spielt den Schriftsteller-Vater schon fast wie einen „Softie“ – und dennoch werden die inneren Widersprüche auch dieses Typus eines leicht abgehobenen Intellektuellen hervorragend herausgearbeitet. Jonathan Beck als Missetäter Joe bleibt die Person, der man trotz allem nicht so richtig böse sein kann. Vater und Sohn harmonierten – wie nicht anders zu erwarten – auf der Bühne und gaben eine starke Vorstellung.

Doch dominiert hat eher Jacqueline Macaulay das Stück. In der Rolle von Mutter Alice Harper spielte sie ambitioniert und überzeugend. Auch die Nebenrollen wurden gut gespielt. Das klare, aber unspektakuläre Bühnenbild passte zum Thema und lenkte nicht ab. Dem Publikum gefiel die Vorstellung.

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