Espelkamper zeichnet hyperrealistisches Meisterwerk und bekommt Vertrag bei Londoner Plus One Gallery

Bild als Spiegel des Inneren

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Die hyperrealistische Zeichnung „White Beard“ von Markus Nachtigall hat ihm einen Vertrag bei der Londoner Plus One Gallery gesichert und ebnet dem Espelkamper nun den Weg in die künstlerische Berufswelt.

Espelkamp - Von Mareile Mattlage. (Fast) zu gut, um wahr zu sein. Das wie eine schwarzweiße Fotografie eines alten arabischen Mannes aussehende Bild „White Beard“ ist kein Foto. Sondern eine hyperrealistische Zeichnung, die derzeit weltweit für Aufsehen sorgt und künftig bei der Plus One Gallery in London ausgestellt werden wird. Angefertigt hat dieses Meisterwerk ein Laie: Der 23-jährige Espelkamper Markus Nachtigall.

„Man muss das Gehirn einfach dazu zwingen, etwas zu tun, das es nicht will“, erklärt Nachtigall so ungerührt, als sei das Zeichnen eines hyperrealistischen Bildes die normalste Freizeitbeschäftigung der Welt. Um „sein Gehirn auszutricksen“, habe er die Vorlage – eine postergroße Fotografie eines alten Arabers – einfach auf den Kopf gedreht. So habe sein Gehirn keinen Bezug mehr zu bekannten Formen und Eindrücken und somit sei es unmöglich, eigene Interpretationen mit einzubringen. Denn jede Interpretation bedeute eine Verzerrung der Realität. „Am hyperrealsten zeichnet man, wenn man selber nicht weiß, was das Gezeichnete darstellt“, erklärt Nachtigall. „Bei Bekanntem besteht die Gefahr, etwas aus der Realität falsch Gezeichnetes trotzdem unbemerkt und als richtig zu belassen, weil es sich mit einer Erinnerung deckt.“

Gezeichnet hat der heute in Bielefeld lebende Jurastudent nach den Vorlesungen in jeder freien Minute – am Wochenende und in den Ferien von morgens bis nachts. Dreieinhalb Jahre lang. „Ich hatte mit einem Monat gerechnet, doch dann wurden fast vier Jahre draus.“ Es sei viel Unerwartetes auf ihn zugekommen. Beispielsweise musste er dafür sorgen, dass keine Fingerabdrücke auf das Papier kamen, es durfte kein Sonnenlicht ins Zimmer scheinen, damit das Papier nicht vergilbte. Hinzu kamen emotionale Prozesse, gefühlte Niederlagen, dann wieder Erfolge. „Einen Tag hüpfst du, einen Tag weinst du. Ich schätze, das ist ein ähnlicher Prozess gewesen, wie ein Haus zu bauen.“

Während der Zeichensitzungen hat Nachtigall von Audioskripten für die Uni, Hörbüchern und sämtlichen Musikrichtungen über Serien bis zu Dokumentationen so ziemlich alles gehört und geguckt, was verfügbar war. Ein weißes Rauschen im Hintergrund, das sich in das Gesicht des Arabers brannte: Zu jeder noch so kleinen Hautunreinheit, jeder Falte, jeder Wimper der Zeichnung kann Nachtigall sagen, was er nebenbei gesehen oder gehört, was er dabei gedacht und gefühlt hat – ein Bild als Spiegel seines inneren Selbst.

Angefangen hatte alles vor rund fünf Jahren, als der überzeugte Antialkoholiker nach der ersten und letzten Abi-Fete seines Lebens nachts zum Runterkommen noch etwas fernsehen schaute. Zufällig zappte er in eine Sendung über das Thema Zeichnen. Die Kunstform interessierte ihn und so wollte er sie „einfach mal ausprobieren“. Entsprechendes Material hatte der damals 19-Jährige nicht zu Hause, also griff er den einzigen funktionierenden Bleistift aus seiner zerknüllten Federmappe – ein handelsüblicher Minenbleistift der Stärke 0,5 Millimeter – und begann, in sein Hausaufgabenheft zu zeichnen. In den nächsten Stunden entstanden drei Bilder – die Motive waren menschliche Augen und Obst. Den Stift legte er erst wieder weg, als es bereits 13 Uhr war.

In den folgenden Monaten probierte er sich weiter aus, malte Blumen und Portraits, entwickelte den Ehrgeiz, auch Gesichtsfalten zu zeichnen. Schließlich stieß er auf eine Dokumentation über Paul Cadden. Ein Künstler, der als bester hyperrealistischer Zeichner der Welt gilt und mit dem Nachtigall aktuell laufend verglichen wird.

Nachtigall, der mit seinen 23 Jahren bereits verheiratet ist und Instrumente wie Geige oder Cello virtuos spielt, ließ sich von Caddens Werken nicht einschüchtern. Im Gegenteil: „Mich hat es gestört, dass man an den Haaren erkennen konnte, ob ein Bild echt oder gezeichnet war. Das wollte ich besser machen!“ Und so habe er jedes einzelne Haar seiner vollbärtigen Araber-Vorlage einzeln gezeichnet, Strich für Strich – bis zum Schluss mit dem Minenbleistift, der ihm Jahre zuvor in die Hände gefallen war.

„Ich lege sehr viel wert auf Einsamkeit. Für mich ist es das Wichtigste, mit sich selbst in Kontakt und ins Reine zu kommen – und somit sein volles Potential zu entfalten“, sagt Nachtigall. „Wenn ich in meinem Leben auf die Meinungen, Urteile und Geschmäcker anderer gehört hätte, wäre ich nie so weit gekommen.“

Vor wenigen Tagen hat Nachtigall nun einen Vertrag bei der Londoner Plus One Gallery unterschrieben. Diese gilt in der Kategorie der hyperrealistischen Zeichnungen als eine der besten Galerien der Welt – ein Werdegang, der ist, wie sein Bild: (Fast) zu gut um wahr zu sein.

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