Hamburger Kammerspiele überzeugten durch Starbesetzung und Tiefgang

„Jetzt oder nie - Zeit ist Geld“ fragt und antwortet

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Ein Schiff kommt: Deutlich mehr Tiefgang als die Komödien der vergangenen Wochen hatte die Produktion der Hamburger Kammerspiele von „Jetzt oder nie - Zeit ist Geld“.

Espelkamp - Von Volker Knickmeyer. Mit dem Stück „Jetzt oder nie - Zeit ist Geld“ startete das Abo II am Sonnabend in die neue Theatersaison. Nach den leichtfüßigen Komödien der vergangenen Wochen auf der Espelkamper Bühne hatte die Produktion der Hamburger Kammerspiele nach den Motiven des Drehbuchs von Lars Büchel und Ruth Toma in der Theaterfassung von Regisseur Michael Bogdanov deutlich mehr Tiefgang.

Vor voll besetztem Haus spielten Dinah Hinz (Carla), Diana Körner (Lilli) und Uta Stammer (Meta) die Hauptrollen. Allesamt ältere Damen, zwischendurch bekam man den Eindruck sie spielten sich selbst. Fast alle Rollen waren mit Schauspielern und Schauspielerinnen besetzt, die viele Jahre Fernseh- und Bühnenerfahrung haben: Martin Pawlowsky (Kütte und Bankchef), Burkhard Heim (Kischke, Dr. Rabe und Reisekaufmann), Johann Christof Wehrs (Kassierer Heinrich, Heimleiter) und Herbert Schöberl (Kommissar Krone, Schwester Maria). Frank Richartz übernahm gleich vier Rollen. Etwas weniger zu spielen hatte Elena Meißner (Lizzy, Flora). Im Jahr 1997 wurde der Stoff mit dem jungen Til Schweiger für die deutschen Kinos verfilmt.

Was macht man, wenn einem bewusst wird, dass ein Großteil der Lebensuhr bereits abgelaufen ist? Viele resignieren, aber einige ältere Herrschaften, die in diesem Falle Damen sind, wollen sich aber auch einen lange aufgeschobenen Wunsch erfüllen. So wie Carla, Lilli und Meta eben, drei völlig verschiedene, norddeutsche Charaktere. Kantig, derb, liebenswert – man sieht und hört ihnen die oftmals bittere Lebenserfahrung an.

Allen Schauspielern des Abends nimmt man ihre Rolle ab. Dabei geht es oft derb, aber auch sehr lustig zu. „Meta nimmt zu viele Tabletten ein, da rumpelt es ja richtig, wenn sie geht“, hält ihr Freundin Lili vor. Das Trio hat sich auf dem Friedhof kennengelernt, die Männer wurden schon vor langer Zeit zu Grabe getragen.

Immer das Beste aus

einer Situation machen

Als Carla anfangs die bittere Diagnose erhält, dass sie bald sterben wird, bringt sie das nicht zur Verzweiflung. Sie schmiedet mit ihren Freundinnen den Plan, eine letzte große Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff zu unternehmen. Mit allerlei Tricks und kleinen Betrügereien schaffen sie es schließlich, das Geld zu beschaffen.

Doch die Bareinzahlung bei der Bank wird zum Fiasko: Im selben Augenblick wird das Kreditinstitut überfallen und das Geld ist angeblich nicht versichert. Bankchef Közel spielt den Unsympathen. Doch Kassierer Heinrich flirtet schon mit der attraktiven Lili.

Die Ausstattung des Bühnenbildes durch Ulrike Engelbrecht ist zwar karg, aber enorm flexibel. Drei Leitern werden multifunktionell als Boot, als Treppe und vieles mehr eingesetzt. Wo gerade die Handlung spielt, ist jeweils dem großen Bild an der Rückwand zu entnehmen.

Das Damentrio beschließt, sich das Geld wiederzuholen – per Banküberfall. Allein die dilettantische Planung lässt die Zuschauer schon nichts Gutes ahnen. Mickrige 2700 Mark gibt es. Das schreit nach Wiederholung. Lili begegnet Kassierer Heinrich. Der hat den goldenen Tipp parat, wann sich der Überfall lohnt. 1,2 Millionen winken, doch auch diesmal ist der Überfall desaströs.

Meta, mit einer alten Knarre bewaffnet, muss zuerst zur Toilette, bevor der Überfall beginnt. Zittergreis Kischke wartet schon im Gangster-Citroen. Gottseidank bringt er geistesgegenwärtig die Beute in Sicherheit, bevor die Polizei die alten Damen fasst.

Das Gangstertrio landet im Gefängnis. Besonders dramatisch für die todkranke Carla: „Ich hätte nie gedacht, dass ich im Gefängnis sterben werde“. Und so kommt es dann auch. Bitterböse Witze über das Alter, Running Gags wie die ewig fehlende Prothese von Meta machten die Aufführung zu einem nachdenklichen Vergnügen, allerdings sollte man die 40 doch schon überschritten haben, um alles nachvollziehen zu können.

Als Lili und Meta das Gefängnis verlassen, werden sie großherzig von den Männern auf einen alten Hafenschlepper eingeladen. Da ist sie also geblieben, die Beute. „Na, Hauptsache ein Schiff“, entfährt es Lilli zum Schluss.

Die Weisheit des Abends: Immer das Beste aus der Situation machen. Das ist das Rezept für ein halbwegs zufriedenes Leben.

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