Marion Kracht brilliert als keifende Karrierefrau

Geschrei nach Liebe

Lene Wink, Daniel Morgenroth und Marion Kracht (v.l.) überzeugten in der Komödie „Auf ein Neues“. Kracht zeigte grandiose Gesichts-Mimik und schaffte es ebenso wie Morgenroth, über lange Strecken betrunken zu spielen. Auch Lene Wink als Tochter Sarah wirkte glaubhaft und natürlich. -  Foto: Mattlage

Espelkamp -  Wer andere anschreit, der fleht in Wirklichkeit nach Liebe. So die Kernaussage der Komödie „Auf ein Neues“, die am Samstag im nahezu ausverkauften Neuen Theater Espelkamp vor rund 600 Besuchern gezeigt wurde.

Dem glänzend aufgelegten Schauspieler-Trio, bestehend aus Marion Kracht, Daniel Morgenroth und Lene Wink, gelang es mit Humor, dem Publikum ohne anzuklagen den Spiegel vorzuhalten – wenngleich dies besonders für die weiblichen Zuschauer nicht immer schmeichelhaft gewesen sein dürfte. "Männer sind Kinder, die wie Erwachsene angezogen sind“, „Eine Frau zu werden bedeutet, sich einen Panzer anzulegen“ oder auch „Männer muss man schlecht behandeln“ lauten die vermeintlichen Lebensweisheiten, welche die alleinerziehende Mutter und Karrierefrau Catherine (zum Fürchten gut: Marion Kracht) ihrer pubertierenden Tochter Sarah (Lene Wink) mit auf den Weg zu geben versucht. Doch diese sehnt sich nach der großen Liebe und rebelliert gegen ihre keifende Mutter, wo sie nur kann.

Kaum ein Gespräch ist möglich, ohne dass es zu gegenseitigen Vorwürfen und anschließender Total-Eskalation kommt, die Mutter in ihrer Raserei blind vor Zorn gar beinahe mit einem Messer auf die aufmüpfige Tochter losgeht. Und wann immer Catherine mit der eigenen Mutter telefoniert, verlaufen die Gespräche auch nicht viel harmonischer. Es wird klar: Hier sind drei Frauen, die sich in einem fort gegenseitig spiegeln.

Die Beziehung von Catherine und Sarah bekommt eine neue Dynamik, als der liebenswerte Habenichts Michel (Daniel Morgenroth) zu ihnen stößt. Um ihrer Tochter zu beweisen, dass sie auch mal etwas Selbstloses für einen anderen Menschen tun kann, nimmt die kontrollsüchtige Karrierefrau den obdachlosen Trinker am Weihnachtsabend in der mondänen Upperclass-Wohnung auf und macht den „stinkenden Penner“ zu ihrem neuen Projekt: Aus dem ehemaligen Informatiker soll wieder ein respektabler Mann werden.

Prompt lässt Catherine dem überrumpelten Michel die Haare schneiden, steckt ihn in einen schicken dunkelblauen Anzug und vereinbart über seinen Kopf hinweg Vorstellungsgespräche, während Michel unter dem Druck und seinen Versagensängsten beinahe zusammenbricht und damit zur neuen Projektionsfläche von Catherines Zornesausbrüchen wird. Dennoch schafft es der Gitarren-spielende Poet und spontan zu Techno durch die Wohnung tanzende Michel mit seiner gutmütigen und authentischen Art, zunächst Tochter Sarah, dann das Publikum und zum Schluss auch Mutter Catherine für sich zu gewinnen.

Zugegeben: Die von Regisseur Martin Woelffer turbulent inszenierte und mit flotten französischen Chansons von Zaz untermalte Komödie „Auf ein Neues“ (Autor: Antoine Rault, Deutsch von Annette und Paul Bäcker, Ausstattung: Gabriella Ausonio) nimmt teilweise nicht besonders realistische Wendungen. Dass beide Hauptprotagonisten am Schluss schlagartig eine glatte 180-Grad-Wendung hinlegen, ist zwar ein gefälliges, aber nicht besonders glaubhaftes Ende. Dennoch bleiben Wahrheit und Ehrlichkeit die großen Stärken des Stücks.

So war nicht selten zu beobachten, wie sich die Paare in den Zuschauerreihen gegenseitig mit dem Ellenbogen in die Seite stupsten, sich zunickten oder vielsagende Blicke zuwarfen. In den gezeigten (Streit-)Szenen konnten sich offenbar viele Menschen wiederfinden. Und auch schon im Vorfeld des Stückes hatte man sich selbst und seine eigenen Reaktionen und Gedanken gut beobachten können: Bereits als verwahrloster Obdachloser verkleidet hatte sich Daniel Morgenroth mitten ins Foyer gestellt und Gitarre gespielt, sodass die hereinströmenden Besucher, ohne es zu merken, selbst zu Akteuren wurden.

Zurück auf die Bühne: Nicht selten blieb einem während des Abends das Lachen auch im Halse stecken. Etwa in den Momenten, in denen Michel Catherine bittet, ihn zu behalten. Denn „behalten“ bringt es auf den Punkt: Tatsächlich sind es nicht die (Ex-) Männer, die keinen Respekt vor Catherine haben, sondern Catherine diejenige, die von oben herabblickt. Für sie ist Michel nicht mehr als ein streunender Köter, der disziplinierte Körperpflege und eine strenge Erziehung braucht. Und während Mann und Tochter unter dem Terror ihrer Schreckensherrschaft leiden, ist die Mutter diejenige, die sich beklagt und den anderen vorwirft, diese würden nicht sehen, was sie alles für sie tue. Erfolglos.

Erst als Catherine die feministische Flagge runterzieht und sich eingesteht, dass sie sich nach Liebe und Weichheit sehnt, gelingt es ihr, wahrhaftig ihre weibliche Kraft zu finden. „Kennst du ,Schrei nach Liebe’ von den Ärzten?“, fragt Sarah Michel bei ihrer ersten Begegnung auf dem Hausflur. Der Obdachlose verneint. Dabei kennen ihn alle Protagonisten besser, als es ihnen lieb ist.

Von Mareile Mattlage

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