Landwirtschaftlicher Kreisverband kritisiert beim 68. Verbandstag gesunkene Erzeugerpreise

„Eine der schlimmsten Miseren seit langem“

Wie geht es mit der Landwirtschaft im Mühlenkreis weiter? Diese Frage stellten sich beim Verbandstag des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes (v.l.) Holger Topp (Geschäftsführer Kreisverband), Heinrich Vieker (Bürgermeister Espelkamp), Uwe Bartels (Referent), Hermann Seeker (Vorsitzender Kreisverband), Annegret Flömer, (stellvertretende Vorsitzende Landfrauenverband) Landrat Dr. Ralf Niermann, Achim Post (Bundestagsabgeordneter) und Stefan Schmidt (zweiter stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands). -  Foto: Schmidt

Espelkamp - Von Katharina Schmidt. Für einen Liter Milch bekommen Bauern derzeit 25 Cent, für ein Kilo Schweinefleisch 1,24 Euro. Laut Hermann Seeker, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke, ist das zu wenig. „Die Landwirte erleben eine der schlimmsten Miseren seit langem“, sagte er auf dem Kreisverbandstag am Mittwoch. Damit schien er vielen der Landwirten, die ins Espelkamper Bürgerhaus gekommen waren, aus der Seele zu sprechen.

Diskussionen um die stark gesunkenen Erzeugerpreise dominierten den Abend. „Es ist paradox: Während anderswo auf der Welt deutsche Lebensmittel sehr gefragt sind, liegen bei uns Bauern die Nerven blank“, meinte Geschäftsführer Holger Topp. Die wirtschaftliche Lage habe sich drastisch verschlechtert. Ursachen sind ihm zufolge das Russland-Embargo, das zu Einbußen in Milliardenhöhe führte, sowie Konjunkturschwächen in den nachfragestarken asiatischen Ländern, gut versorgte internationale Märkte und die zunehmende Konzentration des Lebensmitteleinzelhandels.

„Initiative Tierwohl“: Kritik an Edeka

Kritik übten die Landwirte an Edeka. Der Lebensmitteleinzelhandel-Konzern ist Gründungsmitglied der „Initiative Tierwohl“. Alle Mitglieder der Initiative zahlen vier Cent pro Kilo Schweinefleisch in einen Fonds, um Maßnahmen für mehr Tierwohl zu unterstützen. Doch laut Topp und Seeker haben so viele Bauer für mehr Platz und Licht in ihren Ställen gesorgt, dass das Geld aus dem Fonds nicht für alle reicht – und Edeka weigere sich, die Zahlungen von vier auf sechs Cent aufzustocken. „Wir sind sauer und verärgert“, sagte Seeker. Viele Landwirte seien in Vorauszahlung gegangen, hätten investiert und würden nun „hinten runterfallen“. „Wir sehen Edeka in der Pflicht, dort nachzuliefern“, so der Verbands-Vorsitzende.

Edeka fordert hingegen erst einen Nachweis, dass Landwirte das Geld tatsächlich zum Wohle der Landwirte investieren, bevor sie aufstocken. Außerdem sollten dem Konzern zufolge auch andere Branchenbeteiligte, die bislang nicht in den Fonds zahlen, in die Pflicht genommen werden. Dazu zählen unter anderem die Gastronomie und die Fleischindustrie.

Holger Topp erinnerte in diesem Zusammenhang an die Demonstration vor dem Edeka in Levern kurz vor Weihnachten, bei dem Bauern ihren Ärger Luft gemacht hatten. Eine weitere Aktion, die der Geschäftsführer ins Gedächtnis rief, traf McDonald’s: „Am 16. Juni machten wie an der McDonald’s-Fililale in Lübbecke plakativ, aber freundlich drauf aufmerksam, dass dieser relevante Marktbeteiligte sich nicht an der Initiative beteiligt hatte“, berichtete Topp.

In den vergangenen Monaten sahen sich Landwirte zudem konfrontiert mit negativ besetzten Schlagzeilen und einem Akzeptanz-Problem – Stichworte waren der Glyphosat-Bierskandal oder Diskussionen um das Tierwohl.

Bauern geben Einblick in ihre Arbeit

Um den entgegenzuwirken, warfen Kinder zum Beispiel im Juni einen Blick hinter die Stalltüren von Kopmanns Hof in Sielhorst. Außerdem liefen in Kinos in Rahden und Bad Oeynhausen Image-Spots, die die Landwirtschaft zeigten. „Authentisch – nicht wie bei Bauer sucht Frau“, unterstrich Holger Topp.

In Rahden und Pr. Oldendorf hatte der Landwirtschaftliche Kreisverband zudem die Planungen zur Erstellung eines Wirtschaftswege-Konzeptes begleitet. „Leider sind wir in der Frage, ob der von uns bereits vor längerem ins Spiel gebrachte Vorschlag zur Gründung von Wirtschaftswege-Verbänden auf der Ebene der einzelnen Kommunen rechtlich und ökonomisch umsetzbar ist, noch nicht viel weiter gekommen“, berichtete Topp zum Stand der Dinge. Ein kleiner Fortschritt: Nach einem von der Landesregierung vorgelegten Rechtsgutachten seien die Gründungen von derartigen Verbänden – wenn auch mit Einschränkungen – rechtlich zulässig. „Wir werden hier auf jeden Fall am Ball bleiben“, versprach Topp. Denn die Finanzierung über einen Verband halte der Kreisverband für deutlich gerechter als die Abrechnung nach dem Kommunalabgabegesetz.

Mehr Fläche für Landwirtschaft

Lange beschäftigt hat die Landwirte ein Verfahren zur Ausweisung des Wasserschutzgebietes Oldendorf-Hedem-Harlinghausen in einer Größe von 4 159 Hektar. Ein Dorn im Auge war den Landwirten das Verbot des Ausbringens von Wirtschaftsdünger in der Schutzzone II mit anfangs vorgesehenen 87 Hektar. Schließlich erreichten sie, dass die Schutzzone um mehr als die Hälfte reduziert wurde. Auch mit Blick auf von Landes- und Umweltminister Johannes Remmels geplante Verschärfungen des Landesnaturschutz- und Wassergesetzes forderte Topp: „Es ist dringend nötig, bestehende Naturschutzflächen aufzuwerten, anstatt immer neue Flächen auszuweisen.“

Zuspruch bekamen die Landwirte von Landrat Dr. Ralf Niermann. „Eine Zukunft des ländlichen Raums ohne die Landwirtschaft kann und will ich mir nicht vorstellen“, zollte er Respekt und versprach, dass der Kreis den Landwirten zur Seite stehe.

Das Schlusswort sprach Stefan Schmidt, zweiter stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands und Junglandwirt. Er verbreitete Optimismus: „Die Junglandwirte sind bereit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen.“

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