„Die Wahrheit“ gibt Einblicke in verlogene Beziehungen

Lügen bis zur Schmerzgrenze

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Die Schauspieler agierten hervorragend. In dem Stück erfahren sich nach und nach, das ihr Leben auf einem Lügenkonstrukt aufbaut.

Espelkamp - Von Volker Knickmeyer. Das Theaterstück „Die Wahrheit“ des jungen Pariser Erfolgsautors Florian Zeller ist eigentlich eine Komödie in sieben Szenen. Doch wer das Stück im Espelkamper Theater gesehen hat, konnte auch durchaus dramatisch-philosophische Züge in der Handlung entdecken.

Zumindest entpuppte sich der Titel schon nach wenigen Minuten als falsch, besser gesagt als gewollte Provokation des Autors. Es ging nämlich so gut wie nur um Lügen. Viel Lügen. Ganze Lügenberge werden von den Protagonisten aufgetischt. Der Oberlügner und Fremdgeher Michel (Helmut Zierl) hat seit einem halben Jahr ein Verhältnis mit Alice (Caroline Kiesewetter), der Ehefrau seines bestens Freundes Paul (Uwe Neumann). Sie treffen sich einmal wöchentlich in einem seelenlosen Hotel. Laurence (Karin Boyd), Michels Gattin, weiß angeblich nichts von der Liaison. Michel schiebt stets Geschäftstermine vor, um nicht entdeckt zu werden.

In der Anfangsszene liegen Michel und Alice im Bett, sogleich entsteht eine Diskussion mit zunächst gegensätzlichen Positionen: Alice tendiert dazu, mit offenen Karten zu spielen. Michel hingegen will mit Lügen und Abstreiten Schlimmeres verhindern. Michels Standpunkte werden im Laufe des Abends immer abstruser und immer energischer vorgetragen. Wie er und auch später die anderen drei die Wahrheit verdrehen, löst beim Zuschauer schon fast körperlichen Schmerz aus – aber auch Lachsalven. Da war sie wieder, die Komödie.

Helmut Zierl spielt den Michel in der Inszenierung des Theaters im Rathaus/Essen mit großer Hingabe, wobei die erste Viertelstunde etwas zu gekünstelt wirkt. Etwas nervtötend auch die eindringlichen Wiederholungen von einzelnen Sätzen. Michel verstrickt sich immer mehr in Widersprüche, trotz verzweifelter Suche nach Alibis. Erst spielt er den Kranken, dann muss sein Freund Paul, der obendrein auch noch seinen Finanzmanagerjob verloren hat, herhalten. Schließlich dient ein Kundengespräch in Bordeaux als Alibi, um ein paar nette Stunden mit Alice zu verbringen.

Ein gemeinsames Wochenende wird zum Desaster: Alice gibt vor, bei ihrer Tante zu helfen und zu übernachten. Paul ruft über Handy an und will die Tante sprechen. Michel spielt mit verstellter Stimme die Tante. Das geht reichlich schief. Michel erfährt schließlich, dass sein Freund schon lange von dem Verhältnis weiß. Darüber ist er außer sich und beschimpft ihn heftig. Verkehrte Welt! Beim gemeinsamen Tennisspiel wurde nie darüber gesprochen. Der eine lässt den anderen gewinnen. Mit mathematischer Präzision führen Zellers erdachte Dialoge in immer schlimmere Verstrickungen.

Es kommt wie es kommen muss: Paul gesteht Michel seine Liaison mit Laurence und diese gibt es wohl auch schon deutlich länger als die von Michel und Alice. Doch Laurence lügt auch und erklärt ihrem Mann frech: „Es gibt kein Verhältnis.“ „Wenn ich dich liebe, wie könnte ich ein Verhältnis mit einem Typen wie Paul anfangen“, beteuert sie. Michel glaubt ihr, versteht nicht ihre Tränen als er von Pauls und Alices Wegzug nach Schweden berichtet.

Eindrucksvoll, wie der Lügner immer mehr erfahren muss, dass auch alle anderen lügen und betrügen. Autor Florian Zeller stellt seinem turbulenten Stück Voltaires Ausspruch voran: „Die Lüge ist nur dann ein Laster, wenn sie Böses tut. Sie ist nur dann eine Tugend, wenn sie Leiden vermeidet. Lügen Sie, meine Damen. Seien Sie tugendhaft. Ich werde Ihnen bei Gelegenheit Gleiches mit Gleichem vergelten.“ Dem Publikum gefiel die Inszenierung ausgesprochen gut, kaum enden wollender Applaus war den hervorragend agierenden Schauspielern sicher.

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