Kleine Gesten von großer Tragweite in der St. Johannis-Kirche

Ensemble Theatrum zeigt „musikalischen“ Nathan

Saladin (Vahid Shahidifar) und Nathan (Friederike von Krosigk) schließen Freundschaft.

Rahden - Eine besondere und besonders eindrucksvolle Inszenierung von „Nathan der Weise“ bot am Freitagabend das Ensemble Theatrum vom Schloss Hohenerxleben aus Sachsen-Anhalt in der St. Johannis-Kirche Rahden.

Aus der Sicht heutigen Theatererlebens hat Lessings „dramatisches Gedicht“ ziemliche Längen und wirkt in manchen Inszenierungen ermüdend. Nicht so in der Version des Ensemble Theatrum. Das hat den Urtext entschlossen gekürzt und nur noch die Passagen übernommen, die Wesentliches über die handlungstragende Liebesgeschichte zwischen Recha und dem jungen Tempelherrn zu sagen haben. Den Schwerpunkt haben sie auf die Auseinandersetzungen um die Frage, welcher der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Islam, Christentum) der Vorrang gebührt, reduziert.

Ausgeklammert sind die verwickelten Verwandtschaftsbeziehungen. In Lessings Schlussszene stellt sich heraus, dass der Tempelherr und Recha Geschwister sind und Saladin und dessen Schwester Sittah Onkel und Tante. Das macht nichts, denn die Ringparabel wird – wenn auch an veränderter Stelle – so klar und deutlich gespielt, dass man die Geistesverwandschaft der Religionen schon verstanden hat.

In der Darstellung des Ensemble Theatrum erscheint die Situation erstaunlich friedlich, fast schon ein wenig krippenspielartig. Lessing hat die Handlung zur Zeit des Dritten Kreuzzugs (1189 bis 1192) während eines Waffenstillstandes in Jerusalem angesiedelt. In der vorgelegten religionsbetonten Situation tut das jedoch nichts zur Sache.

Der junge Templer wirkt anfangs rüpelhaft, jedenfalls was seine Vorurteile gegenüber Juden angeht, sagt aber auch, der Kopf, den Selim ihm geschenkt habe (der Sultan hatte ihn vor der Hinrichtung begnadigt), sei ein neuer Kopf und entfernt sich bereits vom strengen Glauben. Selim, als Muslim, ist ein sehr toleranter Herrscher, der auf Ausgleich bedacht ist, und wohl zu denen gehört, die Nathan sich als Zeitgenossen wünscht: „Ach, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“ Auch er ist kein orthodoxer Jude mehr, sondern vor allem ein Menschenfreund.

Das Ensemble besteht aus vier Personen. Einige sind daher gestrichen, andere mehrfach besetzt. So spielen Friederike und Hubertus von Krosigk teils abwechselnd, teils gemeinsam den Nathan. Durch das zusätzliche „weibliche Element“ gewinnt die Aussage der Hauptfigur neue Facetten. Interessant ist die Darstellung des Patriarchen gleichzeitig durch drei Personen (Friederike und Hubertus von Krosigk und Vahid Shahidifar). Diese unheilige Dreifaltigkeit weckt Erinnerungen an eine Gruppe biblischer Pharisäer.

Die Musik ist in dieser Aufführung mehr als nur ein verbindendes und Atmosphäre schaffendes Element. Zu hören sind mehrstimmige Gesänge und Instrumentalstücke auf Harfe, Geige und persischer Santur aus den drei Kulturbereichen des Christentums, Judentums und des Islam. Die Musik weist deutlich auf die Gemeinsamkeit der drei Religionen hin. Besonders sinnfällig entwickelt sich dies beim Musizieren des Sultans mit dem Templer.

Alle vier Darsteller spielen ihre Rollen dicht, mit großer Ruhe und reduzierter Gestik. Dabei konzentrieren sie sich voll auf die Ausgestaltung des Textes, der dadurch wunderbar klar und verständlich wird. Zusammen mit dem aquarellartig, in sonnigen Farben gehaltenen Bühnenbild, entsteht gerade in Sakralräumen ein stimmiges und eingängiges Theatererlebnis, mit dem das Ensemble stärker sinn- und friedensstiftend wirkt als ein großes Papst-Event. · rks

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