Größte Schmalspurbahn ist im Heidekreis unterwegs / 1,2 Millionen Euro investiert

Visionen ohne Ende

Norstalgische Lok  mit dem  Team der Böhmetalbahn davor.
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Das Team der Böhmetalbahn (v.l.): Peter Carstens, Harald Bräuniger, Burkhard Schäfer, Dietmar Thiel, Carsten Recht, Jochen Schwart und Wilhelm Ahrens.

Altenboitzen – Manche bezeichnen Carsten Recht als ein bisschen verrückt, manchmal etwas streitbar, aber als einen, auf den du dich verlassen kannst. Sein Lebensinhalt ist die Beschäftigung mit der Bahntechnik, vor allem der alten, aber auch der neuen. Irgendwann hat ihn sein Vater in Holm-Seppensen, das kurz vor Hamburg liegt, dafür begeistern können.

„Papa war Lokführer, bediente die Dampflokomotive. Er hat mich damals angesteckt.“ Recht ist nie wieder von der Beschäftigung mit der Bahn abgekommen. Heute steht er vor seinem größten Coup: Die Böhmetalbahn wird am 1. Mai erstmals nach Benzen zu den Spargelbauern fahren dürfen.

Recht, für die Bahn hauptverantwortlich, sagt dazu: „Ich habe etwas erreicht, woran ich nicht glauben mochte. Die Hürden bis hierhin waren einfach zu hoch.“ Er hat dennoch viel erreicht, und nun will er natürlich noch weiter. Jüngst hatte sich selbst Lars Klingbeil, SPD-Bundestagsabgeordneter, eingeschaltet. „Ich bin einfach begeistert von so viel ehrenamtlicher Aktivität.“ Er hatte mit der Bundeswehr gesprochen, die für die Strecke nach Benzen noch teilweise das Mitspracherecht hatte, und erreicht, dass sie nun auch für die Böhmetalbahn freigegeben werden darf.

Strecke für einstündige Fahrt durch die Heide

Nahe der Strecke befindet sich ein Munitionsdepot. Recht: „Wir können nun von Altenboitzen bis Benzen fahren. Fast eine Stunde lang wird die Bahn unterwegs sein.“ Und Recht will noch weiter – bis zum Weltvogelpark. „Dann wäre alles rund. Dann könnte ein Mosaikstein im Tourismus des südlichen Kreises geschlossen sein.“

Klingbeil spricht von der mittlerweile größten Schmalspurbahn Deutschlands. Am 30. April schaut der Bundestagsabgeordnete selbst in Benzen vorbei, wo dann vielleicht auch ein Spargelbauer am Haltpunkt stehen wird.

Carsten Recht stand eigentlich immer auf der Lok. 1946 in Holm-Seppensen geboren, hat ihn der Vater immer wieder auf der Dampflok mitgenommen, hat ihm die damaligen Techniken der Bahn gezeigt, hat seinen Sohn für die Bahn begeistern können. „Davon bin ich eigentlich nie wieder abgekommen.“ Er interessierte sich für Fahrpläne, studierte in Hamburg-Wilhelmsburg das interne DB-Telefonnetz und machte 1964 seine erste Deutschlandreise mit der Bahn, die ihn nach Osterode, Philippsheim, Marbach und Bad Buchau führte. Von seinem Geld, „meiner ganzen Habe“, kaufte er 1967 eine Lok mit einer 600 Millimeter Spurweite für 1700 Mark. Er gründete in Holm-Seppensen einen Verein, ließ die Lok in Hamburg Wörme bei Handeloh aufarbeiten und dann erst einmal in der Nordheide fahren. Irgendwann hatte er dann in Altenboitzen die stillgelegte Torfbahn entdeckt. Mit einer unglaublichen Energie begann er, die Strecke zu aktivieren. Gar nicht immer mit der Unterstützung von Anliegern, aber Carsten Recht hat sich durchgebissen und auf Einwohnerversammlungen sein Projekt vorgestellt.

Auf Anhieb 20000 Gäste

„Mit der Draisine sind wir schon 2012 auf Spur gegangen,“ erinnert sich Recht. Der erste Schmalspurzug rollte 2015 von Altenboitzen nach Hollige West. Gut 20 000 Gäste konnte man in jenem Jahr begrüßen. Die meisten Gäste kamen in der Ferienzeit aus den neuen Bundesländern oder aus Nordrhein-Westfalen.

Die Strecke ist mittlerweile 6,3 Kilometer lang und soll noch in diesem Jahr auf 8,5 Kilometer bis Vorwalsrode anwachsen. Damit wird die Böhmetal-Kleinbahn über die längste 600-Millimeter-Kleinbahn-Strecke in Deutschland mit regelmäßigen Fahrten verfügen.

Loks und Waggons können künftig auch als „Botschafter der Lüneburger Heide“ bei in- und ausländischen Museumsbahnen und Messen von England bis Polen, Schweden bis Spanien zu besonderen Anlässen präsentiert werden. „Ebenso werden wir Gastfahrzeugen aus dem In- und Ausland die Möglichkeit eines Einsatzes auf der Böhmetal-Kleinbahn bieten.“

1,2 Millionen Euro in die Strecke investiert

Investiert worden sind bisher gut 1,2 Millionen Euro, wobei der Löwenanteil auf Erwerb und Umbau der Strecke entfallen sind. Viele kleine Projekte konnten durch Sparkassen-, Leader+- , Zile- oder Bingo-Förderung überhaupt erst auf den Weg gebracht werden. Leider hat die Pandemie nicht nur die Fahrgastzahlen einbrechen lassen, sondern auch die Spendenbereitschaft. Projekte, wie beispielsweise der Umbau des Beamtenwohnhauses Hollige, der Feldscheune zur Ausstellungsfläche für landwirtschaftliche Gerätschaften, der Aufbau weiterer Waggons, die Aufarbeitung von Lokomotiven und die Errichtung einer dringend benötigten Fahrzeughalle wurden ausgebremst.

Durch die fehlende Anbindung von Altenboitzen haben Kleingruppen von einem Besuch Abstand nehmen müssen. „Unser Ziel ist deshalb, den Bahnhof Walsrode zu erreichen, um eine direkte Umsteigemöglichkeit zwischen der großen und der kleinen Bahn zu ermöglichen“, sagt Recht.

Für die Gäste soll in Hollige künftig auch die Möglichkeit bestehen, Produkte aus den Dörfern und aus Walsrode zu erwerben. In Benzen sei daran gedacht, eine Fahrt auf der Böhmetal-Kleinbahn mit dem Einkauf von Spargel oder Erdbeeren zu verbinden.

Cafés , Parks und Fahrradstationen auf der Strecke

Außerdem soll es Kombitickets mit Bus- und Bahnunternehmen, Hofcafés in den Dörfern sowie den benachbarten Parks geben. Der Fahrplan werde dann auf die Anschlüsse der Züge aus Hamburg-Harburg und Hannover abgestimmt. Für die Fahrrad-Touristen ist das Allertal und die Museumsbahn in Stemmen mit den durchgehenden Zügen aus Hamburg-Harburg optimaler zu erreichen. Mit dem Rücktransport von Booten auf der Böhmetal-Kleinbahn, die auf der Böhme flussabwärts von Walsrode nach Hollige oder Altenboitzen unterwegs waren, gibt es ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

An Ideen für einen Ausbau der Böhmetal-Kleinbahn mangelt es also nicht: Sowohl einen Anschluss an den Weltvogelpark als auch in Richtung Stemmen können sich die Aktiven der Böhmetal-Kleinbahn durchaus vorstellen. Das Aller-Leinetal könnte damit zu einem Wasser- und Radwanderparadies werden mit direktem Anschluss an die Stadt Walsrode.

Umbau der Gleise auf Schmalspur

Nach Ostern werde der Bauantrag für den Abschnitt Benzen – Vorwalsrode weiter bearbeitet. Nach Vorlage der Baugenehmigung soll die Strecke bis Vorwalsrode auf Schmalspur eingerichtet werden. An der ehemaligen Ladestraße werden nach der Eröffnung die Züge enden und beginnen. Da ein großer Teil der Strecke aus Betonschwellengleis bestand, mussten die Schienen ausgetauscht werden. Die Betonschwellen konnten teilweise an die Senffabrik Leman in Eystrup im Tausch gegen Schienenmaterial für Schmalspur abgegeben werden.

Carsten Recht bleibt bei allen Plänen zuversichtlich. „Ich schaffe das schon,“ sagt er und blickt in den Heidehimmel. Man glaubt es ihm mittlerweile.

Von Klaus Müller

Der Bahnhof von Benzen. Die Hütte soll durch ein schöneres Gebäude ersetzt werden.

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