Günter Hibbing sammelt Spenden für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Unterwegs von Haustür zu Haustür

Günter Hibbing. Foto: Fischer

Walsrode – Alle Jahre wieder beginnt im Herbst die Haus- und Straßensammlung für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Einer der bundesweit erfolgreichsten Sammler ist Günter Hibbing. Der 78-jährige Walsroder marschiert seit 19 Jahren regelmäßig mit der Spendenbüchse los, in diesem Jahr seit dem 1. September. Anlass für dieses Engagement war einst eine weinende Frau auf einem Friedhof.

Im Jahre 2000 war Hibbing als Mitglied der Reservistenkameradschaft Fallingbostel zu Gast auf einer Informationsveranstaltung des Volksbundes in Verden. Auf dem Programm standen auch der Besuch eines Kriegsgräberfriedhofes und eine Kranzniederlegung. „Ich sah dort eine ältere Dame auf einer Bank sitzen, und als wir gingen, saß sie noch immer dort“, erinnert sich Hibbing. Er fragte die Frau, ob er ihr helfen könne, was die Dame verneinte.

„Ihr liefen Tränen über die Wangen und sie sagte mir, dass ihr zwei Tage zuvor vom Volksbund mitgeteilt worden war, wo ihr gefallener Sohn in Estland begraben wurde. Sie war so froh über diese Nachricht, denn jetzt könne sie das Grab besuchen und in Frieden sterben“, so Hibbing.

Diese Begegnung hatte den Walsroder so aufgewühlt, dass er einen Entschluss fasste: Mit dem Eintritt ins Rentenalter wollte er für den Volksbund Geld sammeln. Gesagt, getan. Ausgerüstet mit einer Spendendose, ist Günter Hibbing im Spätsommer und Herbst in Geschäften, bei Veranstaltungen und auf der Straße unterwegs. Er marschiert von Haustür zu Haustür.

Im Laufe der Jahre waren es vor allem Begegnungen mit Menschen, die bei dem Oberstleutnant der Reserve tiefe Spuren hinterlassen haben. Da war zum Beispiel eine Dame, die bereits auf seinen Besuch gewartet hatte. Kaffee und Kuchen standen auf dem Tisch, und die Frau berichtete von ihrer Flucht 1945 aus Königsberg. Mehrmals sei die damals 17-Jährige von russischen Soldaten vergewaltigt worden. „Sie sagte, dass das sehr schlimm war, aber immerhin hätten ihre Peiniger sie nicht totgeschlagen, was vielen anderen Mädchen seinerzeit widerfahren sei“, so Hibbing.

Die Frau kam nach Bad Fallingbostel, heiratete und bekam eine Tochter. Ihr Mann starb später, die Tochter musste sie mit gerade einmal 46 Jahren beerdigen. Aber auch das konnte die Senioren nicht brechen. „Sie erzählte, dass sie 46 Jahre ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Tochter gehabt habe und dafür sei sie dem Herrgott dankbar“, so Hibbing. Nach dem Gespräch fuhr der Reservist dermaßen aufgewühlt nach Hause, dass er zunächst nicht mehr in der Lage war, weiter Spenden zu sammeln.

Und da war ein älterer Herr, der 1945 als 13-Jähriger die Bombenangriffe auf Hannover erlebte. Eines Nachts musste er in einen Keller fliehen, stürzte schwer und wurde in ein Krankenhaus gebracht. „Der Mann erzählte mir, dass er dort von einem Oberarzt behandelt wurde, der ihm damit wohl das Leben gerettet habe“, so Hibbing. Dabei hätte sich der Mediziner gar nicht um den Jungen, sondern nur um Soldaten kümmern dürfen. „Wäre das herausgekommen, wäre er wohl wegen Wehrkraftzersetzung erschossen worden.“

Wenn sich der agile Senior auf Sammeltour begibt, wird er manchmal begleitet. Im vergangenen Jahr waren Werner Asche, Anneliese Heller, Monika Seidel sowie die Bad Fallingbosteler Bürgermeisterin Karin Thorey mit von der Partie. Auch Landrat Manfred Ostermann, gleichzeitig Vorsitzender des Volksbundes im Heidekreis, begleitet Günter Hibbing regelmäßig auf dessen Touren, auf denen er stets Uniform trägt. „Das kommt gut an“, ist er sich sicher. „Bei den Geschäftsleuten und Handwerksbetrieben werde ich überall freundlich begrüßt. Beim Sammeln an den Haustüren werde ich teilweise bereits erwartet. Und wenn 20 Türen aufgehen, erhalte ich an 19 eine Spende“, zeigt er sich dankbar.

Solange er gesundheitlich dazu in der Lage ist, möchte der Pensionär, der einst als Bäckermeister, Sparkassenkaufmann und Betreiber der Kantine in der Kaserne Oerbke seinen Lebensunterhalt verdiente, mit dem Sammeln weitermachen. „Und das wird hoffentlich noch lange dauern.“

Hintergrund: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, kurz Volksbund, wurde am 16. Dezember 1919 gegründet. Er ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit humanitärem Auftrag. Er erhält und betreut Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Ausland, hilft Angehörigen bei der Gräbersuche und entwickelt die Kriegsgräberstätten weiter zu Lernorten der Geschichte. Wie Günter Hibbing berichtet, hatte der Volksbund 2018 Ausgaben von 45,569 Millionen Euro. Von der Bundesrepublik Deutschland seien 15,88 Millionen Euro geflossen, der Rest werde durch Haus- und Straßensammlungen, Spenden und Mitgliedsbeiträge gedeckt.  mf

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