Lea Sophie, ihre Eltern und die Essstörung / Die Frage nach dem Warum

Mit 37 Kilo in die Klinik

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Nicole Bachelle (l.) im Gespräch mit Claudia Kapahnke-Blaase, Vorsitzende des Walsroder Vereins „Esslust“.

Walsrode - Die Krankheit nimmt Besitz von Körper und Geist. Und irgendwann wird es lebensbedrohlich. So wie bei Lea Sophie. Die 13-jährige Schülerin war ein normaler sportlicher Teenager. Doch sie stellte nach und nach das Essen ein, wog schließlich bei einer Körpergröße von 1,57 Metern nur 39,6 Kilo. Klinikaufenthalt und Therapie folgten.

Nicole Bachelle (47), Lea Sophies Mutter, macht sich heute Vorwürfe. „Vielleicht hätten wir die Krankheit früher erkennen und reagieren müssen.“ Dazwischen lägen im Regelfall acht Monate, weiß Claudia Kapahnke-Blaase, Vorsitzende des Walsroder Vereins „Esslust“. Bei Nicole Bachelle und ihrem Ex-Mann verging nur die Hälfte der Zeit.

Vor zehn Jahren hatten sich die Eheleute getrennt. Lea Sophie lebte bis zu ihrem zehnten Lebensjahr bei der Mutter, dann beim Vater. Vor etwa einem Jahr bemerkte dieser, dass seine Tochter weniger isst und trinkt als zuvor und informierte seine Ex-Frau. „Ich aber sagte ihm, dass er den Ball flach halten solle und dass Lea Sophie halt in der Pubertät sei und auf ihre Figur achte“, berichtet Nicole Bachelle. War Lea Sophie bei ihr, war das Essverhalten normal. Doch das änderte sich. Der Teenager nahm täglich nur noch etwa eine Schüssel Müsli und kaum Flüssigkeit zu sich.

Mit einem Gewicht von 39,6 Kilo brachten die Eltern ihre Tochter in die Kinder- und Jugendklinik „Auf der Bult“ in Hannover, wo sie untersucht wurde. Dann ging es nach Hause. „Für eine sofortige stationäre Aufnahme muss ein Notfall vorliegen“, erinnert sich die Verwaltungsangestellte.

Einen Tag später ging es erneut in die Klinik, da die Untersuchungsergebnisse vorlagen. Lea Sophie wurde an einen Monitor angeschlossen, der Alarmtöne von sich gibt, wenn Puls oder Herzfrequenz absacken. Das Gerät schlug ziemlich häufig Alarm. „Da wurde auch Lea Sophie bewusst, dass etwas mit ihr nicht stimmt.“

Jetzt war die stationäre Aufnahme möglich. Das bedeutete unter anderem: dauerhafter Anschluss an den Herzmonitor, Essen unter Aufsicht, geregelte Toilettengänge. Letztere nicht direkt nach den Mahlzeiten. „All diese Maßnahmen waren lediglich dazu da, das Gewicht zu erhöhen“, sagt Nicole Bachelle. Nach fünf Tagen zeigte die Waage 42,5 Kilogramm an.

Das Körperliche ist aber nur der eine Aspekt. Der andere ist die Psyche. Warum kam es zur Essstörung? Was kann man tun, um wieder zur Normalität zurückzufinden? Auf diese Fragen gab es keine Antwort.

„Innerhalb dieser fünf Tage hatte meine Tochter ein einziges therapeutisches Gespräch.“ Der Therapeut empfahl einen längeren stationären Aufenthalt. Aber die Wartezeit betrug etwa fünf Monate. „Man sagte uns, dass wir versuchen sollen, mit unserer Tochter normal zu essen und zu trinken“. Zuhause fiel der Teenager in alte Verhaltensmuster zurück.

Es dauerte nicht lange, da stand Lea Sophies Konfirmation ins Haus. In einem Therapiegespräch hatte es grünes Licht dafür gegeben, das Fest zu feiern. Doch die körperliche und psychische Belastung waren zu viel. Nach dem Fest wog Lea Sophie nur 37 Kilo. Der Vater brachte seine Tochter in die Klinik und bestand erfolgreich darauf, dass sie stationär aufgenommen wird.

Extremes Untergewicht kann bei Heranwachsenden schwerwiegende Folgen haben. Der Körper schaltet auf Notbetrieb, Organe und Gehirn arbeiten nicht mehr hundertprozentig. In Lea Sophies Fall blieb die Periode aus, sie wuchs nicht mehr. An Herz und Nieren hatten sich lebensbedrohliche Ergüsse gebildet.

Nach ein paar Tagen des „Aufpäppelns“ bekam das Mädchen einen Platz auf der Therapiestation. Der Teenager sträubte sich zunächst dagegen. Lea Sophie musste ihr Handy abgeben. Unter der Woche gab es lediglich zweimal Besuchszeiten. „Mich wollte sie oft nicht sehen“, sagt die Mutter. Das Warum bleibt im Dunkeln. Genauso wie der Inhalt der Gespräche mit der Therapeutin.

Es folgten Gruppen- und Einzeltherapien, dazu gab es Angebote wie Malen, Basteln und Kochen. Nach fünf Monaten wurde die 45 Kilogramm „schwere“ Schülerin entlassen. Wirklich gesund war und ist sie allerdings noch lange nicht. Eine ambulante Therapie sollte sich anschließen, doch bis es dazu kam, gingen vier Wochen ins Land. Lea Sophie nahm zwei Kilo ab.

Jetzt tauchten zuhause Probleme auf, weil Lea Sophie oft behutsam behandelt wurde. „Man denkt, wenn ich bestimmte Dinge für sie tue, dann ist sie zufrieden und isst etwas. Man ist co-abhängig“, so ihre Mutter. Lea Sophie entwickelte Zwänge. So entsorgte das Mädchen sein Jugendzimmer. Kleidung wurde nach 30 Minuten gewechselt und in die Wäsche gegeben.

Nicole Bachelle merkte, dass sie mit ihrem Problem alleine nicht fertig wird. Sie fand Hilfe beim Verein „Esslust“, besuchte einen Workshop und ging zu einer Selbsthilfegruppe. „Ich habe gelernt, auf mich zu achten und mit meiner Tochter so umzugehen wie mit einem normalen Teenager. Ich darf ihr nicht alles durchgehen lassen.“ Sie sei unsicher, dass sie in die gleichen Muster fallen könnten wie vor einem Jahr. „Aber wir können eine neue Mutter-Tochter-Beziehung entwickeln und die Essstörung vielleicht besiegen.“

mf

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