Auswirkungen von Schlachthof-Schließung auch bei lokalen Mästern spürbar

Schweine in der Warteschleife

Den Preisverfall im Fleischmarkt spürt auch Landvolkvize Jörn Ehlers.
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Den Preisverfall im Fleischmarkt spürt auch Landvolkvize Jörn Ehlers.

Walsrode – Die Schließung der Schlachthöfe von Tönnies wirkt sich bis in unsere Region aus und hat für eine Diskussion zum Fleischkonsum gesorgt. „Da wird sich bestimmt etwas ändern, beim Konsum und bei der Erzeugung“, prognostiziert der Geschäftsführer der Viehvermarktung Walsrode-Visselhövede, Wilhelm Behrens.

„Tönnies schaffte sonst 16 Millionen Schweine pro Jahr als Größter in Deutschland, wo die anderen Schlachthöfe vielleicht auf zwei bis drei Millionen kommen“, so Behrens. Kein Wunder, dass derzeit ungefähr 400 000 schlachtreife Schweine den „Tönniesüberhang“ im Fleischmarkt ausmachen. Auf vier Linien zerlegen die osteuropäischen Arbeiter sonst bis zu 25 000 Tiere am Tag. Entsprechend stauten sich in der Lieferkette die Tiere, weil der Betrieb für vier bis fünf Wochen geschlossen war. Behrens bemängelt, dass andere Schlachthöfe mit vergleichbaren Problemen nur zwei Wochen dicht waren. Kleinere Schlachthöfe hätten Teile des Überhangs übernehmen und Liefermengen der anderen Anbieter reduzieren müssen.

Problem bei der Sache: Die Tiere werden immer schwerer, wenn sie im Stall des Mästers warten müssen. Darunter leide vielleicht die Qualität, sicher aber der Preis. Denn bei den Abnehmern sei durch den Gewichtskorridor von 88 bis 105 Kilogramm pro Schwein das ideale Tier vorgegeben, und falls das Schwein noch mehr Kilos auf die Waage bringe, verdiene der Bauer nicht etwa mehr. „Schweine, die über dem Korridor liegen, verringern den Ertrag insgesamt“, erläutert Behrens.

Auch die Transporte der Viehvermarktung seien unwirtschaftlicher, weil statt der normalen 160 Schweine pro Lastwagenzug nur noch 145 der schwereren Vierbeiner zugelassen sind.

Über diese Abzüge klagt auch Schweinemäster Henrik Bodenstab aus Westen, der Aufsichtsratmitglied der Viehvermarktung ist. Schon vor den Vorfällen bei Tönnies hatte er Verzögerungen bei den Schlachtterminen, weil der Schlachthof in Hannover-Laatzen wegen der coronabedingten Hygienevorschriften seine Kapazität verringern musste. Außerdem seien einige Arbeiter aus Angst vor dem Virus frühzeitig in die Heimatländer gereist. Weiter koste jeder Tag zusätzlich im Stall Ressourcen. „Der Überhang bringt die ganze Lieferkette durcheinander, weil die neuen Ferkel auch schon warten, um eingestallt zu werden“, so Bodenstab. Es seien schon Ferkel mit 35 Kilogramm auf dem Markt.

Den Preisverfall bei den Mastschweinen und bei den Ferkeln thematisiert auch Landvolkchef Jörn Ehlers. Er spricht von wirtschaftlichen Problemen für die Betriebe. Der Neustart bei Tönnies unter Sparflamme sei gerade noch rechtzeitig geschehen, um den Marktkollaps zu verhindern. Ihm seien Einzelfälle aus seinem Verband bekannt, die ihre Schweine erst verspätet liefern konnten. „Leider sind wir Landwirte jedoch wieder mal am Ende der Kette und die Hauptleidtragenden“, sagte Ehlers.

Zugleich sank der Fleischkonsum im Inland und der Export nach China stockte wegen Corona ebenfalls, was zusätzlich Preisdruck im Fleischmarkt ausgelöst habe. Schon im vergangenen Jahr ohne Corona sei der Fleischverbrauch alleine um acht Prozent gesunken. „Dabei ist das Fleisch in der Qualität gleich geblieben und der Lebensmitteleinzelhandel hat sogar teilweise die Preise angehoben. Gleichzeitig sank der Schlachtpreis, den der Handel für uns zahlt um 50 Cent“, kritisiert Behrens. Außerdem nahm der Einzelhandel Fleisch aus den Betrieben von Tönnies nicht mehr ab, was weitere Verwerfungen am Markt ausgelöst habe. Daher verstehe er auch den Wunsch des Verbrauchers nach mehr Regionalität, aber der Konzentrationsprozess bei den Schlachthöfen werde durch neue Auflagen weiter gefördert.

Mit der Fusion der Viehvermarktung Walsrode-Visselhövede mit der Viehvermarktungsgemeinschaft Weser-Hunte wolle man nun selber eine höhere Kosteneffizienz erzielen.  lee

Schweine, die über dem Korridor liegen, verringern den Ertrag insgesamt.

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