Aktion in Walsrode zu 150 Jahren Paragraph 218

Schluss mit der Kriminalisierung

Neun Frauen und Männer hocken im Kreis, vor ihnen auf dem Boden ausgebreitet, liegen Schablonen zum Sprayen mit den Begriffen „Selbstbestimmung“, „Lebensbejahung“, „Respekt“, Unversehrtheit“, „Entkriminalisierung“ und  „§ 218“.
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Wollen auf die Not von Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt aufmerksam machen: Cristine Idrizaj (v.l.), Nadja Bernhardi, Ottomar Fricke, Karin Böckmann, Heiko Schütte, Andrea Klenke, Judith Hartmann, Mary Helen Fischer und Kerstin Wichmann.in

Seit 150 Jahren stellt der Paragraph 218 Abtreibungen grundsätzlich unter Strafe. „Ich weiß nicht, ob das ein Jubiläum ist, dass man feiern möchte“, eröffnete Walsrodes Superintendent Ottomar Fricke das Pressegespräch am Dienstagmorgen im Gemeindehaus. Denn noch länger als dies umstrittene Gesetz währt die Diskussion über Schwangerschaftsabbrüche, über den ethischen Konflikt, an dessen Ende es „kein ganz richtig“ und „kein ganz falsch“ gebe.

Walsrode/Soltau – In großer Runde hatten sich Vertreterinnen und Vertreter der Diakonischen Werke in Walsrode, Bomlitz und Soltau, des Fachbereichs Gesundheit des Heidekreises und von Pro Familia – alle Anbieter von Schwangerschaftskonfliktberatungen – getroffen, um auf eine gemeinsame Sprühaktion am 28. und 29. September hinzuweisen. Tenor der Aktion „150 Jahre Kriminalisierung sind genug“.

Frauen sollen sich auf ihre Entscheidung konzentrieren können

Denn auch wenn der Gesetzgeber in Paragraph 218a von der Straflosigkeit des Abbruchs spricht, wenn die Schwangere diesen verlange und sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen von einer staatlichen anerkannten Stelle: „Bei vielen Frauen ist die Strafmöglichkeit im Kopf“, so Mary Helen Fischer von Pro Familia in Soltau. Diplom-Sozialpädagogin Cristine Idrizaj (Stadt Walsrode) fügte hinzu: „Die Frauen wissen genau, dass es eigentlich etwas Illegales ist.“ Darum sei es „unsere Pflicht, das zu enttabuisieren“, damit die Frauen sich allein auf ihre Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft konzentrieren könnten. Diese wiederum, da waren sich alle einig, werde niemals leichtfertig getroffen.

Oftmals, so berichtete Nadja Bernhardi (Diakonisches Werk Walsrode), seien es gestandene Frauen, die zu ihr in die Pflichtberatung kämen, Mütter, nicht unbedingt Alleinerziehende, die ein weiteres Kind aber an den Rand der Existenz bringen würden. Es seien auch häufig Frauen, die gerade in einer neuen Lebensphase steckten, ergänzte Andrea Klenke (Pro Familia). Die nach einer Familienpause den schwierigen beruflichen Neustart wagen wollten. Oder aber, so Cristine Idrizaj, es seien junge Frauen, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen hätten, die finanziell noch von den Eltern abhängig sind.

Auch Männer sind zu den Beratungen willkommen

Alle Frauen, die eine Beratung in Anspruch nehmen, befinden sich in einem seelischen Konflikt, den auch die geschulten Teams nicht für sie lösen. Eine Beratung erfolgt stets ergebnisoffen. „Es geht darum, Menschen in einer Notsituation nicht alleine zu lassen. Das ist unsere kirchliche Aufgabe“, formulierte es der Soltauer Superintendent Heiko Schütte und bezog hier auch die Männer mit ein.

Eine ungewollte Schwangerschaft, so machten es die Beraterinnen deutlich, ist verbunden mit einer Achterbahn der Gefühle. Emotion trifft hier auf Paragrafen. Seelische Not muss sich Organisatorischem unterordnen. Wohin wende ich mich für die Beratung? Wer nimmt den medizinischen Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs überhaupt noch vor?

„Es hat sich sehr sehr viel verschlechtert“, fasste Karin Böckmann (Diakonisches Werk Soltau) zusammen. Mary Helen Fischer untermauerte dies mit Zahlen. Als sie vor 29 Jahren in der Konfliktberatung angefangen habe, seien im Heidekreis noch vier Stellen gewesen, die Abbrüche vorgenommen hätten. Jetzt sei es nur noch eine. Die wiederum ist auf der entsprechenden Internet-Seite der Bundesärztekammer noch nicht einmal gelistet.

Sprayaktion weist den Weg zu Infomaterial

Auf diese Situation möchten die Einrichtungen am kommenden Dienstag, dem internationalen Safe Abortion Day, aufmerksam machen. Sie werden die Begriffe „Selbstbestimmung“, „Lebensbejahung“, „Respekt“, Unversehrtheit“, „Entkriminalisierung“ und eben „§ 218“ mit Kreidefarbe auf die Wege sprühen, die von den Beratungsstellen zu den Büchereien führen. Dort stehen Bücher und Infomaterial zum Thema zur Verfügung.

Die Beteiligten wollen mit der Aktion, die auch anderenorts stattfindet, für einen sensiblen Umgang mit den Betroffenen plädieren und die Diskussion um den Paragraphen 218 in Gang halten, in der Hoffnung, dass es bis zu seiner endgültigen Abschaffung keine weiteren 150 Jahre braucht.

Von Katrin Preuss

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