Politik und SoVD verärgert über Erixx

Rollifahrer auf dem Abstellgleis

Mehrere Personen, darunter zwei Rollstuhlfahrer am Bahngleis.
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Angelika Domres aus Lindwedel konnte im Erixx nicht mehr nach Hannover zu ihrem Facharzt fahren. SoVD-Kreisvorsitzender Jürgen Hestermann (r.) verstand die Welt nicht mehr. Im Hintergrund der Hodenhagener Burkhard Albert, der auf seinen E-Scooter angewiesen ist. Er wurde am Bahnhof von Walsrode stehen gelassen.

Heidekreis – Manfred Ostermann ist sauer. Der Heidekreis-Landrat hat gemeinsam mit dem SoVD-Kreisvorstand Stunden zugebracht, um mit dem Betreiber des Erixx eine einvernehmliche Lösung zu finden, damit endlich auch stark behinderte Menschen mit E-Scootern wieder von der Bahn mitgenommen werden. Aber trotz hoffnungsvoller Ankündigungen der Bahn hörte man aus der Geschäftsleitung des Unternehmens nichts Offizielles mehr.

Womöglich auch Problem bei größeren Kinderwagen

Außer der Information, die Rollifahrerin Heidrun Domres aus Lindwedel erhielt: Erixx will auch größeren Kinderwagen das Mitfahren in den Zügen nicht mehr gestatten.

Das Problem, das bisher nur Behinderte betraf, weitet sich damit aus. SoVD-Kreisvorsitzender Jürgen Hestermann schüttelt darüber nur noch den Kopf: „Erixx hat eine Beförderungspflicht für alle Menschen. So kann es auf keinen Fall weitergehen. Und wir haben keine Lust mehr, hingehalten zu werden.“ Die Politik ist nun gefordert.

Angelika Domres muss einmal monatlich zum Arzt nach Hannover fahren. „Ich bin einmal aus meinem Rollstuhl gefallen. Ein Bein muss nun ständig hochgelegt sein, sonst wird es irgendwann amputiert werden müssen.“ Darum musste der Rolli verlängert werden. Interessiert aber offenbar niemanden bei der Bahn. „Ab sofort dürfen Sie nicht mehr mitfahren,“ sagt eine Zugbegleiterin zu der Lindwedelerin. Angelika Domres ist verzweifelt, weiß nicht mehr, was sie machen soll.

Auch für die E-Scooter-Fahrer aus Hodenhagen und Soltau gibt es keine Erixx-Fahrten mehr, obwohl deren Fahrzeuge von den Krankenkassen vorgeschrieben sind. „Wir müssen auf die Sicherheit aller Fahrgäste achten“, heißt es immer wieder als Begründung der Bahn (siehe Info-Kasten). Nur muss die Frage gestellt werden, wenn in Hannover Erixx mit überfüllten Wagen startet, weil kurz vorher ein Zug ausgefallen ist: Wo bleiben hier die Sicherheitsbedenken?

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil ist tief verärgert über das Verhalten von Erixx. Schon in der Vergangenheit habe er sich an das Unternehmen gewandt, als es ähnliche Fälle gab. Dass nun erneut Menschen mit Behinderung am Bahnsteig zurückgewiesen worden seien, sei ungeheuerlich. „Wenn sie tatsächlich nicht befördert wurden, weil der Zugbegleiterin die Verlegung der Rampe zum Einstieg zu schwer war, empfinde ich diese Haltung als diskriminierend.“

Klingbeil hat sich eingeschaltet

Klingbeil hat sich deshalb erneut an das Unternehmen gewandt und um Aufklärung gebeten, welche konkreten Verbesserungen vorgenommen wurden, um Menschen mit Behinderung in üblichen Rollstühlen zu befördern. „Ich bin auch dem Sozialverband dankbar, dass er an der Sache dran ist. Klar muss sein, dass Menschen mit Behinderung in üblichen Rollstühlen auch durch den Erixx befördert werden müssen. Rollifahrerinnen und -fahrer gehören nicht auf das Abstellgleis!“

Gudrun Pieper von der CDU-Landtagsfraktion, die in den nächsten Tagen zu einem Gespräch mit dem SoVD-Kreisverband nach Fallingbostel kommen wird, sagt, dass sie als behindertenpolitische Sprecherin im Landtag entsetzt sei über die Vorgehensweise der Erixx GmbH. Sie erinnert daran, dass es eine Beförderungspflicht nach dem Personenbeförderungsgesetz (PBfeG) gibt. „In unserem Grundgesetz Artikel 3 steht geschrieben: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Das, was hier praktiziert werde, verstoße nicht nur gegen das Grundgesetz, sondern auch gegen die Behindertenrechtskonvention.

Landrat Manfred Ostermann am Freitag: „Auch ich bin erneut mit dem Erixx-Geschäftsführer in Kontakt getreten, habe aber noch keine Antwort erhalten“.

Gespräch mit der Nahverkehrsgesellschaft

Anfang Juli soll es mit der Nahverkehrsgesellschaft und dem SoVD des Landes zu weiteren Gesprächen kommen. SoVD-Kreisvorsitzender Jürgen Hestermann: „Wir hoffen auf Ausnahmeregelungen für unsere behinderten Mitbürgerinnen und Mitbürger und darauf, dass sich die Bahn endlich einmal ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen wird. Dabei denke ich auch an die jungen Mütter, die nun auch nicht mehr mit ihren größeren Kinderwagen den Zug benutzen dürfen.“

ERIXX GIBT STELLUNGNAHME AB

„Müssen leider zugeben, dass wir einen Fehler gemacht haben“

Erixx-Pressesprecher Björn Pamperin hat Freitagmittag eine Stellungnahme abgegeben und dabei die Sicherheit aller Fahrgäste in den Vordergrund gestellt. Wörtlich heißt es: „Wir müssen leider zugeben, dass wir als Erixx einen Fehler gemacht haben: Bisher gab es kein einheitliches Verfahren, welche Rollstühle mitgenommen werden können und welche nicht. So kam es bei den Fahrgästen zu Unsicherheit und unterschiedlichen Aussagen unserer Mitarbeiter. Dafür bitten wir um Entschuldigung.“

Rollstühle und E-Mobile dieser Größe seien auch für das Unternehmen relativ neu. Die Züge des Erixx im Heidekreuz seien vor etwa zehn Jahren gebaut worden, ihre Konstruktion ist etwa 15 Jahre alt. Zu dieser Zeit galten Rollstühle mit einer Größe von 120 Zentimeter mal 70 Zentimeter (ISO 7193) als Standard. In den Zügen des Erixx wurde Platz für je zwei Rollstühle dieser Art vorgesehen. Die amtliche Zulassung der Züge zur Mitnahme beschränke sich derzeit auf diese Art von Rollstühlen. „Die neuartigen Sonderrollstühle und E-Mobile sind deutlich größer und schwerer“, so Pamperin weiter. „Eine Mitnahme im Erixx ist leider nicht zulässig.“

Größere Rollstühle könnten nicht ohne Hilfe, also nicht eigenständig hinein- und herausfahren. Sie passten nicht auf die vorgesehenen Stellplätze, seien zu schwer und gefährdeten bei einer Notbremsung andere Fahrgäste und den Rollstuhlfahrer selbst. Zudem versperrten sie Fluchtwege und behinderten andere Fahrgäste beim Ein- und Ausstieg.

Björn Pamperin: „Solange nichts passiert und nur wenige andere Fahrgäste in den Zügen sind, mag das alles irrelevant sein. Eine Fahrt mit dem Erixx soll aber zu jeder Zeit, in jeder Situation und für alle Fahrgäste sicher sein.“

Ein Merkblatt zeige nun, welche Rollstühle im Erixx mitgenommen würden. „Wir bedauern es selbst wirklich sehr – aber alle anderen Sonderrollstühle können wir aufgrund der Konstruktion unserer Züge und der für den Eisenbahnverkehr geltenden Regeln nicht mitnehmen.“

Fahrgäste mit Sonderrollstühlen und größeren E-Mobilen bittet die Erixx GmbH um Verständnis und Mithilfe. „Wir wissen, dass Sie neben Ihrem E-Mobil in der Regel noch einen ,medizinischen’ Rollstuhl zur Verfügung haben, welchen wir gut mitnehmen können“, heißt es abschließend in der Stellungnahme, verbunden mit dem Appell, diesen für eine Fahrt im Erixx zu nutzen und sich anzumelden, unter Telefon 05191/96944-250 oder online unter erixx.de/service/barrierefrei-reisen/. „Dann können wir Ihnen am Bahnsteig persönlich beim Ein- und Ausstieg helfen.“

Von Klaus Müller

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