Gespräch über Thema „Hauptsache gesund?“

„Leid hat keinen Wert in sich“

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Freuten sich über zahlreiche Besucher im Gemeindehaus: Burkhart Mecking, Dr. Maren Cordes, Anke Tielker, Almuth Eckardt vom Ambulanten Hospizdienst im Kirchenkreis Walsrode, Anne und Nikolaus Schneider (von links).

Walsrode - „Hauptsache gesund?“ lautete das Thema einer Gesprächsrunde im Walsroder Gemeindehaus. Der große Raum war fast bis auf den letzten Stuhl besetzt. Die aufmerksamen Zuhörer bestätigten leise fast jeden Satz der Beiträge von Nikolaus Schneider und seiner Frau Anne sowie von Dr. Maren Cordes und Anke Tielker.

Die Worte der vier vom Ambulanten Hospizdienst geladenen Gäste sprachen ihnen sichtlich aus der Seele. „Guten Menschen passiert nichts Schlimmes, warum werde ich jetzt so krank?“ Religionspädagogin Anne Schneider erzählte lebendig von ihrer Krebserkrankung und dem Umgang damit. Denn das war der Anspruch des Abends: „Hauptsache gesund“ sei der falsche Ansatz für die Lebensgestaltung. 

Denn was passiert, wenn man schwer krank wird? Ist der Betroffene gar selbst schuld daran? Schneider antwortete: „Nein, man ist nicht selbst schuld; nein, man hat nichts falsch gemacht; nein, man bekommt keine Krankheit als Strafe.“ Die vielen falschen Behauptungen, die im Zusammenhang mit Krebserkrankungen kursierten, belasteten die Menschen nur zusätzlich. 

„Ich treibe immer noch keinen Sport und esse immer noch Zucker, obwohl mir mein Arzt das anders geraten hat“, gab Schneider zu. „Ich mag einfach keinen Sport“, ergänzte sie unter leisem Gelächter der Zuhörer. „Allerdings hat der auch gesagt, ,Schlaf ist gut', und wenn ich jetzt nicht aufstehen mag, kann ich mir immer noch sagen, ich tue was gegen den Krebs.“

„Niemand ist Schuld an seiner Krankheit“

Krebs sei eine Krankheit der Seele, die sich auf den Körper auswirke? „Treten Sie solche Behauptungen doch bitte in die Tonne“, habe ihm sein Arzt geraten, sagte ihr Ehemann Nikolaus Schneider, Präses i.R. und ehemaliger Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland. Anne Schneider erzählte, ihr Arzt habe ihr gesagt: „Frauen tun zu viel für ihre Umgebung, denken zu viel an andere und zu wenig an sich selbst.“ 

Ein zustimmendes Raunen ging durch den Raum. Das Gefühl kannte offensichtlich jeder. Nikolas Schneider brachte auf den Punkt, warum das Grübeln über die Krankheitsentstehung existiert: „Der Urmensch in uns ist der Grund. Wir wollen immer wissen, warum etwas passiert.“ Das Unerklärliche sei für viele schwer zu akzeptieren. „Schlimm ist, wenn daraus Urteile werden, wie ‚der hat sich selbst ruiniert‘, das wird in einer Sterbebegleitung unbarmherzig.“ Schneider mahnte die Zuhörer, nicht über den anderen zu urteilen.

Dem Thema angemessen andächtig, führte Pastor und Supervisor Dr. Burkhart Mecking durch die Gesprächsrunde. Er leitete neue Punkte gerne mit Zitaten, zum Beispiel von Martin Luther, ein, darunter: „In meinem Sterben bin ich allein.“ Schneider: „Wir wissen nicht, was passiert, wenn der Mensch stirbt, das wissen wir erst genau, wenn wir selber vor Gott treten.“ Aber „es ist eine Menge wert, wenn einer bis dahin neben mir steht.“

Diskussion um verwaiste Eltern

Anne Schneider trug einen Gedanken zur Diskussion um verwaiste Eltern bei. Ihre Tochter Maike starb 2005. „Trauer ist das Band, das uns immer verbindet. Der Tod ist nicht das absolute Ende, gibt es doch eine Existenz in Gottes Ewigkeit.“ Mecking zitierte Bonhoeffer: „Irgendwann wird die Dankbarkeit größer als der Stachel des Verlustes.“

Anke Tielker ist Mutter eines Jungen der an NCL leidet: „Wenn wir irgendwohin kommen, ist das wie mit einer blauen Rundumleuchte auf dem Kopf, alle sehen uns an und fragen mitleidig, was er denn habe.“ Deshalb drücke sie den Menschen jetzt eine Visitenkarte mit der Erklärung der seltenen Erbkrankheit in die Hand. „Wir sterben mit ihm, wenn er einen Anfall hat und freuen uns immer, wenn er wieder einen überstanden hat. Er weiß, dass wir ihn bei uns haben wollen, solange es geht.“

Maren Cordes, Internistin auf der Palliativstation im Krankenhaus: „Manche Menschen wissen, wie es um sie steht, andere fallen aus allen Wolken.“ Auf der Palliativstation würden die Patienten überdurchschnittlich gut betreut, da sie einen guten Personalschlüssel habe. Anne Schneider sagte: „Christen verherrlichen das Leid als Notwendigkeit zu Gott zu finden. Leid ist kein Selbstzweck.“ Nikolaus Schneider ergänzte: „Leid hat keinen Wert in sich.“

cc

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