Landgerichtsprozess / „Mittelalterlich“

54-Jährigen 19 Tage lang fixiert

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Mediengruppe Kreiszeitung

Walsrode/Verden - „Für die zuverlässige Hilfe bei seelischen Erkrankungen bieten wir moderne Behandlungsmethoden, individuell auf ihre Situation abgestimmt“, das verspricht das Heidekreis-Klinikum Walsrode auf seiner Homepage. Die Realität sah zumindest im Fall eines 54 Jahre alten Patienten (wir berichteten gestern) anders aus. Als „mittelalterlich“ bezeichnete ein Sachverständiger das Fixieren des Mannes durchgängig über 19 Tage und an vielen weiteren Tagen.

Die Liste der vor dem Landgericht Verden aus der Krankenakte verlesenen Daten, an denen der Mann fixiert worden war, erschien lang. „Sie sollen keine Kollegenschelte betreiben, aber es ist auffällig, dass die Straftaten nur in der Psychiatrie begangen worden sind“, so der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk. „In einer ganz bestimmten Psychiatrie“, betonte Eibach und erklärte, dass Fixierungen manchmal notwendig seien. „Hochproblematisch ist hier die lange Dauer“, erklärte der erfahrene Sachverständige. „Da kann man an Freiheitsberaubung denken“, merkte der Vorsitzende kritisch an. Juristisch sollen die Fixierungen in Walsrode jedoch nicht zu beanstanden sein.

Für den 54-Jährigen seien die Fixierungen besonders schlimm gewesen, weil dieser unter Angstzuständen leide, erklärte Eibach. Es sollen Drei-Punkt- und Fünf-Punkt-Fixierungen gewesen sein. Dabei werden Patienten am Rumpf sowie an beiden beziehungsweise jeweils einer Hand und einem Fuß an ein Bett gebunden. Teilweise soll der Mann nackt fixiert worden sein.

In dem Prozess hatte der 54-Jährige ausgesagt, dass ihn dies viel Kraft gekostet habe, weil er in der Fixierung nicht habe schlafen können. Vor dem Vorfall mit der Suppenkelle – er hatte damit eine Schwester bedroht – habe er ein Fixierbett auf dem Flur gesehen, und da sei ihm klar gewesen, was ihm wieder droht.

Nach der Verlegung auf eine andere Station der Walsroder Psychiatrie soll es keine Vorkommnisse mehr gegeben haben. „Da war er weiter psychotisch, aber man hat ihn in Ruhe gelassen“, so Eibach. Später in Lüneburg gab es laut einem Zeugen keine körperlichen Übergriffe des Angeklagten.

Dr. Christof Kugler ist Geschäftsführer des Heidekreis-Klinikums. Gerne hätten wir mit ihm über das Fixieren im konkreten Fall und im Allgemeinen gesprochen. Dies sei problematisch, weil er keinen Einblick in die Akten habe und Persönlichkeitsrechte des 54-Jährigen betroffen seien, ließ er ausrichten. Man müsse aber „grundsätzlich keine Ängste oder Sorgen haben, dass wir jeden Zweiten ans Bett fesseln oder ruhigstellen.“

wb

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