Trudel beschert ein schönes Weihnachtsfest / Neues Zuhause im Museum

„Kriegsversehrte“ Puppe entpuppt sich als Schatz

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Urgroßmutter und Urenkel: Die fast 100 Jahre alte Trudel zwischen Käthe-Kruse-Puppen neueren Datums, die an Flüchtlingskinder weitergereicht werden.

Walsrode - Etwas mitgenommen sieht sie aus. Aber beinahe 100 Lebensjahre sind eben nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Da waren die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges. Dann kamen zwei Jungs, die sie nicht immer gut behandelt haben. All das hat die Käthe-Kruse-Puppe mit der Bezeichnung „Hampelchen“ überstanden. Dass das Spielzeug oder besser, dessen Ur-Enkelinnen, Flüchtlingskindern ein schönes Weihnachtsfest bescheren, ist vor allem der Aufmerksamkeit zweier Menschen zu verdanken.

Der Walsroder Rainer Lemcke verfolgt seit langem die Notlage der Flüchtlinge. Besonders fühlt er mit den Kindern, die in ihren jungen Jahren zum Teil Schreckliches erlebt haben. Deren Schicksale erinnern ihn an seine Kindheit, die der heute 74-Jährige in Wuppertal/Elberfeld verbrachte. „Als kleiner Junge musste ich miterleben, wie meine Heimat von Bomben zerstört wurde“, sagt er. Ganz besonders ist ihm ein Moment im Gedächtnis geblieben. „Ich war etwa dreieinhalb Jahre alt, als ich mit meinem Vater aus einem Bunker kam, er mich auf den Arm nahm und mir die brennende Stadt zeigte. Er sagte mir, dass ich das niemals vergessen dürfe.“ Seinerzeit hatte der Junge eine treue Begleiterin – eine Puppe, die er Trudel nannte. Dieses Spielzeug war schon damals nicht ganz neu.

Etwa 20 Jahre zuvor hatte Ludwig Adolf Wenzel versprochen, seiner Nichte, der Mutter Rainer Lemckes, eine Puppe zu schenken, wenn er von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges heimkehrt. Leider kam es dazu nicht, da Wenzel 1918 an der Somme sein Leben ließ. In Gedenken an ihn besorgte Rainer Lemckes Großmutter eine Puppe und schenkte sie ihrer Tochter. So kam das „Kind“ in den 20er-Jahren in die Familie. Viel später gab die Tochter das Spielzeug an ihre zwei Söhne weiter – einer der beiden war Rainer Lemcke. „Damals hatten auch Jungs mit Puppen gespielt. Nur sind mein Bruder und ich nicht immer sehr pfleglich damit umgegangen“, lächelt der Pensionär. So büßte das aus Stoff bestehende, mit Tierhaar gestopfte kleine Kunstwerk im Laufe der Jahre seine Nase ein, hinzu kamen einige, zum Teil böse Kratzer.

Als Lemcke 1985 in die Lüneburger Heide zog, war „Hampelchen“ an seiner Seite, gut und sicher in einem Karton verpackt. Weibliche Nachkommen, die mit Trudel hätten spielen wollen, gab und gibt es in der Familie Lemcke nicht. Wegwerfen kam nicht infrage. „Das sind Erinnerungsstücke und die behält man“, unterstreicht der Vater zweier Söhne.

Als das Walsroder Restaurant „anders“ zu einer Spenden-Sammelaktion aufrief, stieg Lemcke auf seinen Dachboden, um nach Spielsachen für Flüchtlingskinder zu suchen. Dabei fiel ihm Trudel in die Hände. „Das ist die Gelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann“, dachte sich der Senior. Der Zustand der Puppe war für Lemcke kein Grund, sie nicht zu spenden. Im Gegenteil. Schließlich teilen Trudel und viele Flüchtlingskinder das gleiche Schicksal – sie sind vom Krieg gezeichnet. Lemcke schnappte sich ein Pappschild und notierte: „Puppe, kriegsbeschädigt, sucht liebevolles Kind zur guten Behandlung und Betreuung“.

Beim „anders“ angekommen, wurden die Sachen zunächst kritisch unter die Lupe genommen. Dann kam Chefin Brigitte Eisenberg um die Ecke. Sie sah die Puppe, erkannte, dass es sich um ein uraltes Modell von Käthe Kruse handelt und fiel dem Spender um den Hals. „Sie fragte mich, ob ich dieses wertvolle Stück wirklich abgeben möchte“, erinnert sich Lemcke.

Brigitte Eisenberg wollte mehr aus der Sache machen. So wurde überlegt, ob man Trudel nicht versteigern oder an ein Museum verkaufen und die Erlöse für die Flüchtlingskinder verwenden könne. So kam das Spielmuseum Soltau ins Boot. Dort ließ Brigitte Eisenberg das Stück begutachten. Bei Trudel handelt es sich demnach um eine Puppe Nr. I „Hampelchen“, die von 1910 bis in die 50er-Jahre hergestellt wurde. Es war der erste klassische Puppentyp aus dem Hause Käthe Kruse. Im Laufe der Jahre waren lediglich einige Details verändert worden. So bekam das Spielzeug in den 30er Jahren etwas schmalere Hüften. „Das Modell von Herrn Lemcke ist jedoch typisch für die 20er Jahre“, ist sich Antje Ernst, die das Spielemuseum mit ihrem Mann Mathias betreibt, sicher.

Die Fachfrau empfahl, die Puppe nicht an Kinder weiterzugeben, da sie nicht mehr belastbar sei. Die Beteiligten einigten sich, dass Trudel im Soltauer Museum eine neue Heimat finden soll. Im Gegenzug spendet die Familie Ernst zwölf neue Käthe-Kruse-Puppen, die an Flüchtlingskinder weitergereicht werden sollen. Restauriert wird „Hampelchen“ übrigens bewusst nicht. „Wir wollen die Spuren ihres bewegten Lebens, ihre Narben nicht zerstören“, begründet Antje Ernst. „Um weiteren Verfall zu verhindern, werden wir die Puppe vielleicht reinigen und ein paar Löcher schließen, aber ausgestellt wird sie in erster Linie wegen ihrer persönlichen Geschichte.“

mf

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