Akten über die Eibia: Thorsten Neubert-Preine und Horst Stumkat in London

Stecknadeln in Heuhaufen

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Thorsten Neubert-Preine mit dem Eibia-Foto-Plan.

Walsrode - WALSRODE/LONDON · London ist eine Reise wert. Der Walsroder Stadtarchivar und Vorsitzende des Geschichtshausvereins in Bomlitz, Thorsten Neubert-Preine, war aber nicht aus touristischen Gründen in der britischen Hauptstadt. Sein Interesse galt dem Nationalarchiv (The National Archives), wo er nach Unterlagen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit der hiesigen Region suchte.

Schon oft wurde der Historiker mit speziellen Fragen zu dieser Zeit konfrontiert, die er nicht beantworten konnte, weil es keine Quellen in deutschen Archiven gibt. So wollen Besucher des einstigen Produktionsgeländes der Pulverfabrik Eibia in der Lohheide immer wieder wissen, was die britische Regierung über diese kriegswichtige Anlage wusste und warum sie nicht bombardiert wurde. Auch hinsichtlich der Militärverwaltung nach dem Krieg ist die Quellenlage in deutschen Archiven eher dünn.

Begleitet wurde Thorsten Neubert-Preine von Horst Stumkat aus Bonn, der sich schon seit seiner Jugend in Benefeld für die Eibia interessiert und sich zum Kenner der Pulverproduktion und der britischen Luftbildaufklärung entwickelt hat. Seine Kenntnisse über die eingesetzten Flugzeuge, die Kameratechnik und die mathematische Korrektur von Fehlern der Luftbilder sind beeindruckend. Es dürfte niemanden geben, der die Eibia-Lohheide so exakt erkundet und vermessen hat.

Nach einem Identifikations- und Einführungsverfahren erhielten die Forscher das „Readers’ Ticket“, mit dem sie in den Lesesaal gelangten. Unter strenger Kontrolle des Aufsichtspersonals durften sie sich Originaldokumente ansehen.

Am Anfang stand die Suche nach den gewünschten Akten, was sich zur Suche mehrerer Stecknadeln in vielen Heuhaufen entwickelte. Die Aktentitel lieferten meist keine oder nur wenige Hinweise darauf, ob interessante Unterlagen zu finden sein könnten. Oftmals standen Zahlenkombinationen und Initialen von Einheiten auf den Aktendeckeln. Die seltenen Ortsangaben waren in vielen Fällen nicht richtig geschrieben, so dass sich die Recherche über den Suchcomputer schwierig gestaltete. So trug eine wichtige Akte den Titel „Detachment Fellingbostel“ statt Fallingbostel.

Vielfach mussten die Forscher die Findbücher des Archivs durcharbeiten. Sie wühlten sich durch einen Berg von Akten, die aber oftmals nichts oder nicht viel über die Geschichte der Region enthielten. „Es ist sehr spannend, ja vielfach aufregend, zu lesen, wie Entscheidungen auf höchster Ebene getroffen wurden, wie schwierig die Einschätzung der Lage oftmals war und welche aus heutiger Sicht unbedeutenden Ereignisse das Handeln mitbestimmt haben“, betont Neubert-Preine.

Mit viel Glück und Spürsinn wurden Neubert-Preine und Stumkat fündig. So konnten sie die Suche in einer Gruppe von 868 Einzelakten nach Durchsicht aller Titel auf 45 einschränken. Nach einer stichpunktartigen Sichtung hielten sie die erste „Stecknadel“ in Händen, einen Auswertungsbericht der im September 1944 gemachten Luftbilder von Wolff & Co. Walsrode und der Tochterfirma Eibia. Beide Forscher waren überrascht, über welche Detailkenntnisse das britische Militär verfügte. Auf dem beigefügten Luftbild, das mosaikartig aus Einzelbildern zusammengesetzt ist, hatte die Interpretationseinheit des Luftfahrtministeriums (Air Ministry) die Umrisse der Fabriken eingezeichnet und Gebäude kenntlich gemacht. Die britischen Spezialisten erkannten unter anderem, dass bei der Eibia Kordit, also rauchloses Pulver, produziert wurde.

Auch die Frage, warum die Pulverfabrik nicht zerstört wurde, können die Forscher nun recht gut anhand der strategischen Bewertungen der Bombardierungsziele beantworten. Darüber hinaus fanden sie zahlreiche bisher unbekannte Unterlagen zur Nachkriegszeit, so unter anderem die Kriegstagebücher britischer Einheiten von April und Mai 1945 nach dem Einmarsch in die hiesige Region, Akten über die Ausländerlager (DP-Camps), die Militärgerichtsbarkeit in Walsrode, das Spruchgericht Benefeld-Bomlitz zur Entnazifizierung und das bis 1949 betriebene Hospital für Displaced Persons in Benefeld.

Bevor sie mit den Ergebnissen ihrer Arbeit an die Öffentlichkeit gehen, wollen die Forscher die Kopien der alten Dokumente sorgfältig durcharbeiten. Danach ist eine Veröffentlichung in der Schriftenreihe Rückblende des Vereins Stiftung Geschichtshaus Bomlitz geplant. Vorträge und Führungen durch das Eibia-Gelände sollen folgen. Am „Tag der Eibia“ am Pfingstmontag wird Neubert-Preine über das Gelände führen. Die Veranstaltung organisiert der Verein Forum Bomlitz.

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