Sturm der Entrüstung

Designer-Outlet-Center Soltau will um 5.000 Quadratmeter wachsen – das passt vielen nicht

Erst wenige Jahre alt und schon zu klein, sagen jedenfalls die Betreiber: Das Outlet-Center Soltau.
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Erst wenige Jahre alt und schon zu klein, sagen jedenfalls die Betreiber: Das Outlet-Center Soltau.

Die Pläne für eine Erweiterung des Designer-Outlet-Centers Soltau sind kaum auf dem Tisch, da brandet bereits ein Sturm der Entrüstung auf. Während das Amt für Regionale Landesentwicklung in Lüneburg die ersten behördlichen Schritte einleitete, formiert sich in der gesamten Heide der Widerstand.

Soltau – „In Corona-Zeiten leiden die Innenstädte ohnehin schon. Ausgerechnet jetzt ein solches Verfahren einzuleiten, ist instinktlos“, sagen Branchenkenner. Deutlich anders sieht man es bei Investor Mutschler. „Bis vor fünf Jahren reichten 10 000 Quadratmeter als Einstandsgröße“, heißt es aus dem Ulmer Unternehmen, „jetzt gehört das Outlet-Center in Soltau allmählich zu den kleinsten der Republik. Bleibt es bei dieser Größe, ist eine Aufgabe des Standortes langfristig nicht mehr ausgeschlossen.“

Konkret plant das Unternehmen eine Erweiterung um 5 000 Quadratmeter. Und es weiß offizielle Unterstützung hinter sich. Die Stadt Soltau hat das planungsrechtliche Verfahren eingeleitet. Allerdings liegen die Messlatten für solche Projekte hoch, zumal wenn ein Mittelzentrum mit lediglich 21 000 Einwohnern die Initiative ergreift. Das galt nicht nur bei der Erstgenehmigung, es gilt auch jetzt. Das Amt für Regionale Landesentwicklung in Lüneburg nimmt sich als Obere Landesplanungsbehörde der Angelegenheit an. Als erster Schritt wurde jetzt eine vorbereitende Antragskonferenz abgehalten. Klingt unspektakulär, stößt aber schon in ungewöhnliche Dimensionen vor. Mehr als 60 Vertreter aus Behörden, Kammern und Verbänden erörterten die bunte Einkaufswelt in einer Video-Konferenz.

Designer-Outlet Soltau: Schnäppchenparadies schädlich für Innenstädte?

Und obwohl noch nichts passiert ist, geschweige denn eine Vorentscheidung in Sicht wäre, gehen Branchenverbände bereits auf Distanz. Sogar das angeschobene Verfahren stößt schon auf Skepsis. „Es werden Gutachten in Auftrag gegeben. Aus Sicht unserer IHK Lüneburg-Wolfsburg ist offen, wie diese Gutachten unter den Bedingungen der Corona-Pandemie zu allgemeingültigen Aussagen führen sollen“, sagt auf Nachfrage Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert.

Wirkt sich ein vergrößertes Schnäppchenparadies sehr schädlich auf die umliegenden Innenstädte aus? Oder nur ein bisschen? Ist es also „raumverträglich“? Das sind die Fragen, denen einschlägige Gutachter in den nächsten Monaten nachgehen. Er wolle diese Expertisen abwarten, sagt Zeinert. Eine Blanko-Zusage sei das nicht. „Da kann man heute nichts vorwegnehmen.“ Liegen die Einschätzungen vor, seien sie vom IHK-Team zu bewerten, seien zudem mit strategischen Zielen abzugleichen. Der IHK-Hauptgeschäftsführer: „Dazu zählt die Förderung der Handelsentwicklung in den Innenstädten.“

Designer-Outlet Soltau: 5 .000 zusätzliche Quadratmeter mitten in der Heide mehr als ein Tröpfchen.

Ähnlich sieht es der Handelsverband Niedersachsen-Bremen. „Die gutachterlichen Stellungnahmen stehen noch aus“, sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Krack auf Nachfrage, „das warten wir ab.“ Gewiss, seit der Neueröffnung des Soltauer Outlets habe es „Verteilungseffekte“ gegeben, es sei zu Verdrängungseffekten gekommen, sagt er, aber jetzt habe sich die Lage gewandelt. „Jetzt geht es um die Sortimente, die angeboten werden.“ Klartext: Werden die bisherigen Sortimente lediglich weiter verfeinert, was weniger schädlich sei, oder kommen neue hinzu, was zusätzlich Verdrängung bedeute? Das sei inzwischen die Frage.

Hinter vorgehaltener Hand werden Branchenkenner deutlich konkreter. „Der Onlinehandel hat den Innenstädten ohnehin schwer das Wasser abgegraben, hinzu kommt jetzt die Pandemie“, sagt ein Insider, der nicht genannt werden möchte, „vielen traditionellen Einzelhandelsunternehmen steht das Wasser bis zum Hals. Sie stehen vor der Insolvenz.“ Ein kleiner Tropfen noch, und schon könne das Fass zum Überlaufen gebracht werden. Nächste Leerstände in ohnehin schon leeren Innenstädten seien die Folge. 5 000 zusätzliche Quadratmeter mitten in der Heide seien mehr als ein Tröpfchen.

5 000 Quadratmeter mehr: Die farbigen Flächen markieren die Erweiterungspläne für das Outlet-Center Soltau aus.

Designer-Outlet Soltau: „Unsere Innenstädte stecken im Überlebenskampf“

In den umliegenden Städten beginnen sich die Stadtväter zu positionieren, auch in den größeren. Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge prescht voran. „Unsere Innenstädte stecken im Überlebenskampf. Wir müssen uns alle zusammen anstrengen, um die Struktur, die Vielfalt und das Leben in unseren Innenstädten zu erhalten. Anderenfalls kommt es zu einem massiven Kulturwandel, den niemand wollen kann“, wird er in der Landeszeitung zitiert. Sein Wort hat Gewicht. Mädge ist Präsident des Niedersächsischen Städtetages.

Das Soltauer Outlet-Center sieht sich derweil einem Wettbewerb ausgesetzt, in dem es zerrieben werde, könne man nicht erweitern. Laut Ausführungen des Unternehmensberaters Dr. Lademann und Partner buhlten im Einzugsbereich Soltaus drei weitere Outlets um Kunden, und alle drei seien größer, eines sogar doppelt so groß: der Ochtum-Park in Stuhr-Brinkum mit 18 800 Quadratmetern, das Outlet Neumünster mit 20 000 und das Outlet Wolfsburg mit 18 000.

Der Hamburger Unternehmensberater stellt anhand von Besucherumfragen einen direkten Zusammenhang von Attraktivität und Anzahl der Stores fest, und das hänge wiederum direkt von der Größe der Verkaufsfläche ab. Lademann: „Eine sinkende Kundenattraktivität führt in einem sich selbst verstärkenden Effekt wiederum dazu, dass die sogkräftigen Marken, die in ihrer Standortwahl ohnehin sehr selektiv vorgehen, auf die stärker nachgefragten Outlets ausweichen.“ Eine solche Tendenz sei schon heute erkennbar.

Designer-Outlet Soltau: Raumordnungsverfahren startet demnächst

Das Amt für Regionale Landesentwicklung will in dem Raumordnungsverfahren, das demnächst startet und etwa ein Jahr dauert, ergänzende Kartierungen und Auswertungen vornehmen, um unter anderem den verstärkten Trend zum Online-Einkauf und aktuelle Entwicklungen zu Insolvenzen und Leerständen in den Innenstädten der Region besser abschätzen zu können. „Wir werden während des gesamten Verfahrens kontinuierlich neue Sachstände zu Corona beobachten und prüfen, ob die Datenbasis angesichts der offenen Corona-Auswirkungen hinreichend belastbar ist, um die Verträglichkeitsprüfung durchführen zu können“, heißt es aus Lüneburg.

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