Verkehrsstatistik 2019 / Corona bringt jetzt Entschleunigung

Mehr und schlimmere Unfälle

Einer von 5 899 Unfällen im Jahr 2019 im Heidekreis: Am Morgen des 11. Juni fuhr auf der Autobahn 7 zwischen Berkhof und Schwarmstedt ein 52-Jähriger mit seinem Sprinter ungebremst auf einen Sattelzug auf, der vor dem Baustellenbereich abbremsen musste. Der Mann starb noch an der Unfallstelle. Foto: Polizei Heidekreis

Heidekreis - Von Reike Raczkowski. Die Zahl der Unfälle ist gestiegen, die der schweren Unfallfolgen ebenfalls. Das sind die zentralen Erkenntnisse aus der Verkehrsunfallstatistik 2019 im Heidekreis.

Die Steigerung der Gesamt-Unfallzahlen (5 899, 355 mehr als im Vorjahr) lasse sich durch eine außergewöhnlich große Zunahme von Wild-Unfällen (1 855, 390 mehr als 2018) erklären, berichtet Detlev Maske, Mitarbeiter im Sachgebiet Verkehr. „Ein ganz einfacher Erklärungsansatz wäre: Es gibt mehr Wild.“ Ob Jäger da zustimmen würden, könne er nicht sagen. Eine andere Theorie sei, dass die Prävention neue Wege gehen müsse. „Wir haben da in den vergangenen Jahren viel ausprobiert. So sollten beispielweise Duftzäune das Wild abhalten und Dreibeine die Verkehrsteilnehmer sensibilisieren. Da hat jetzt möglicherweise ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, die Maßnahmen haben wohl an Wirkung verloren. Vielleicht muss man sich dahingehend wieder neue Gedanken machen.“

Die schlechteste Nachricht aus der Statistik: Der Anstieg der Verkehrsunfälle mit schwersten Folgen im Heidekreis im vergangenen Jahr ist so hoch wie noch nie. Diese Entwicklung betrachte die Polizei mit Sorge, allerdings ließen sich durch ihre Aufzeichnungen keine Erklärungen für diese Steigerung ableiten. Es seien viele Altersgruppen und viele Verkehrsarten auf gänzlich verschiedenen Straßen betroffen. „Vielleicht hat die Verkehrsdichte insgesamt zugenommen, vielleicht spielen die vielen Baustellen im Heidekreis eine Rolle“, so Maske. Aber genau wisse man es nicht. Die Unfälle ließen im Detail vielfach keine Parallelen erkennen, denen man wirkungsvoll mit polizeilichen Maßnahmen begegnen könnte.

Laut Maske könnte auch eine Reizüberflutung in modernen Fahrzeugen eine Rolle spielen. Er nennt Assistenz- und Navigationssysteme, umfangreiche Bedienungsanforderungen sowie – natürlich – die Nutzung verschiedenster Kommunikationsmittel während der Fahrt als Ursache für Ablenkung am Steuer. „Das Problem ist: Das gibt im Normalfall keiner zu und es ist auch schwer nachzuweisen und damit auch nicht vorzuwerfen. Und natürlich gibt es leider auch Unfälle, bei denen man hinterher niemanden mehr nach der Ursache fragen kann.“ Maske glaubt, dass Ablenkung die Ursache für eine erhebliche Zahl von Unfällen sein könnte. Sein Appell: „Am Steuer hat die Bedienung des Fahrzeugs und die Konzentration auf den Verkehr Vorrang. Das Smartphone gehört am besten in die Tasche, damit man gar nicht erst in Versuchung gerät.“

Ein weiteres „Merkmal der Zeit“ sei laut Maske eine generelle Rücksichtslosigkeit vieler Verkehrsteilnehmer. „Es gibt leider Leute, die nur an ihr eigenes Vorwärtskommen denken.“ Der Leiter der Polizeiinspektion, Stefan Sengel, hat dazu folgende Gedanken formuliert: „Wir erleben derzeit mit der Lage durch das Coronavirus eine Entschleunigung auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. Das ist gerade im Straßenverkehr deutlich spürbar. Wir haben momentan durch diese Situation einen erheblichen Rückgang an Verkehrsunfällen.“

Das Unfall-Lagebild vom vergangenen Jahr zeige auch, dass sich im Straßenverkehr zu viele Menschen mit zu wenig Zeit bewegten. „Es ist an der Zeit für eine Rückbesinnung auf die Grundregel aus der Straßenverkehrsordnung: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

In diesem Zusammenhang erwähnt Sengel die seit Jahren nahezu gleichbleibend hohe Anzahl von Verkehrsunfallfluchten (2019: 1 137). Das seien Situationen, in denen jeder zunächst an seinen eigenen Nachteil denke, wie die Umstände und Zeit für eine Unfallaufnahme, die Kosten durch eine Höherstufung der eigenen Versicherung. Die Entscheidung, den Nachteil für den Geschädigten zu ignorieren und davonzufahren, sei schlichtweg rücksichtslos.

Sengel: „Vielleicht führt ja die momentane Ausnahmesituation dazu, dass die Menschen wieder anfangen, darüber nachzudenken, dass es außer ihnen noch andere Menschen auf der Welt gibt.“

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