Nadars Superballon ,,Géant“ an der Alpe / Notlazarett am Bahnhof eingerichtet

Als der Riese vor 150 Jahren bei Rethem strandete

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Pionier der Fotografie und Luftfahrt: Félix Tournachon, genannt Nadar.

Rethem - Von Fred Raczkowski. Es war eines der spektakulärsten Ereignisse seiner Zeit: Die Fahrt des Riesenballons „Le Géant“ (der Riese) von Paris nach Hannover. Über eine halbe Million Menschen hatten am frühen Morgen des 18. Oktober 1863 sogar 50 Centimes Eintrittsgeld bezahlt, um den Start auf dem Marsfeld in Paris zu sehen.

Das 45 Meter hohe Luftfahrzeug hatte eine zweistöckige Gondel. Gefüllt mit 6 000 Kubikmetern Gas sollte die Fahrt bis Hannover führen. Fast hätten es Konstrukteur Nadar und seine acht Passagiere auch geschafft. Doch an der Alpe bei Rethem nahm die kühne Lufttour einen Tag später ein unglückliches Ende: Am 19. Oktober 1863, gegen 10 Uhr, strandete ,Géant“ in der Nähe des Güstenstegel, heute Hof Heyer, im Frankenfelder Bruch.

Luftschiffer Nadar und seine Freunde hatten eigentlich nach dem Überqueren der Weser bei Nienburg zu Boden gehen wollen. Dabei klemmte ein Austritt-Ventil und der Ballon stieg nach einer kurzen Erdberührung wieder in die Höhe. Der ,,Géant“ wurde vom Wind knapp über dem Boden in Richtung Rethemer Moor getrieben, die Gondel streckenweise durch die Torfkuhlen geschleift.

Dabei waren vier Passagiere aus ihren wie Zimmer, teilweise mit Betten, ausgestatteten ,,Kabinen“ herausgesprungen und hatten sich verletzt. Die übrigen fünf Mitfahrer mussten am Ende noch ein unfreiwilliges Bad in der Alpe nehmen, bevor der „Riese“ schließlich in den Baumwipfeln des Frankenfelder Bruches hängen blieb.

Fast alle Mitfahrer hatten sich beim Unfall mehr oder weniger verletzt. Besonders übel hatte es die Ehefrau des Konstrukteurs erwischt: Madame Nadar war unter die umstürzende Gondel geraten und dabei eingeklemmt worden.

Landarbeiter hatten den Crash aus den Anfängen der Luftfahrt beobachtet und die verletzten Passagiere aus ihrer misslichen Lage befreit. Ein zeitgenössischer Kupferstich zu dieser Szene wurde vor einiger Zeit von der Stadt Rethem angekauft und hängt seitdem im Rathaus.

Verschiedene Illustrationen und Texte, unter anderem von Wilhelm Richter und August Jahns, finden sich zudem im Stadtarchiv. In der Ortschronik Rethem-Moor schreibt Jahns zum weiteren Verlauf des Ereignisses: „Die Ballongesellschaft wurde mit einem Sonderzug nach Hannover gebracht. Madame Nadar kam dort zur Pflege in ein Krankenhaus.“

Zuvor waren in Rethem und auf dem Bahnhof Eystrup Notlazarette eingerichtet worden, um die Verletzten zu versorgen. Der französische Gesandte und sogar König Georg von Hannover wurden in der Angelegenheit aktiv.

Das lag wohl an der Prominenz der verunglückten Reisegesellschaft: Nadar, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Félix Tournachon hieß, war schon zu Lebzeiten eine Legende. Denn seine ganz große Leidenschaft war die Fotografie, die damals noch in ihren Anfängen lag. Die Luftschifffahrt war nur ein weiteres Hobby des Mannes aus Paris.

Balzac, Beaudelaire, Manet: Nadar war mit vielen großen Künstlern des Frankreichs vor 150 Jahren gut bekannt. Zu seinen engsten Freunden gehörte auch Jules Verne. Nadar sei einer der wirklich „Großen aus der Frühzeit der Photographie“, bewertete der „Spiegel“ einmal die Leistung des Franzosen. Nadar lieferte übrigens die ersten Luftbilder der Geschichte – natürlich aus einem Fesselballon. Der Pionier aus Paris gilt auch als ,,Erfinder des Fotojournalismus“ (Spiegel), der vom Verkauf seiner Prominenten-Porträts gut leben konnte.

Doch für Fotos vom Absturz im Moor reichte die Technik damals offenbar nicht aus, obwohl der ,,Géant“ auch ein komplettes Fotolabor an Bord hatte. Zur Illustration des spektakulären Ballonunglücks schlug noch einmal die Stunde der Zeichner, die vor 150 Jahren mit ihren Bildern vom Absturz an der Alpe den Sensationshunger der Leser illustrierter Blätter befriedigten.

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