Seine Amtszeit endet im Herbst: Cort-Brün Voige zieht nach 15 Jahren eine Bilanz

Vom Dorfkind zum Dienstältesten

Ein Mann steht an seinem Schreibtisch.
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Möchte seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin die Amtsgeschäfte ordentlich übergeben: Deswegen hat Cort-Brün Voige bereits angefangen, Verwaltungsvorgänge durchzuarbeiten.

Auf seinem Schreibtisch liegen diverse dicke Ordner. „Wenn im November meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger übernimmt, möchte ich, dass alle Vorgänge sauber an meine Verwaltungsmitarbeiter übergeben sind“, sagt Cort-Brün Voige. Der 58-Jährige kandidiert bei der Kommunalwahl im September nicht erneut für das Amt des Hauptverwaltungsbeamten.

Rethem – Er bereitet jetzt so langsam die Übergabe der Amtsgeschäfte vor. „Ich stehe vor einem neuen Lebensabschnitt, und ich freue mich darauf“, sagt er, der 15 Jahre die Geschicke der Samtgemeinde Rethem geleitet hat. „Das macht mich tatsächlich zum dienstältesten Bürgermeister im Heidekreis“, sagt Voige schmunzelnd. Grund genug, mal eine Bilanz zu ziehen? Warum nicht, meint der Noch-Verwaltungschef.

Was er nach der Amtsübergabe beruflich machen wird, darüber möchte Voige noch nicht sprechen. Nur so viel: Es sei eine interessante Aufgabe, auf die er große Lust habe – und sie sei ein Teilzeitjob. „Keine 60-Stunden-Woche mehr, das finde ich gut. Ich muss keinem mehr etwas beweisen und muss nicht permanent an erster Stelle stehen.“

Erneuerbare Energien ziehen sich wie ein roter Faden durch die Amtszeit

Beim Schreiben der Bewerbung sei ihm aufgefallen, wie viel er in den vergangenen Jahren gelernt habe. Er habe sich Wissen über Bauplanungs- und -Genehmigungsrecht angeeignet, Finanzen seien für den Sparkassenbetriebswirt ohnehin immer ein Steckenpferd gewesen. Sein großes Interesse an Erneuerbaren Energien konnte er während seiner Amtszeit um Fachwissen und ein beachtliches Netzwerk ergänzen. „Die Energiewende im Aller-Leine-Tal mit zahlreichen Projekten war vor allem in den ersten Jahren meiner Amtszeit ein Schwerpunkt, bei dem wir ganz viel bewegt haben.“ Es sei nie um reine Ökologie gegangen, sondern immer auch um die Stärkung der Wirtschaftskraft vor Ort.

Das Thema Erneuerbare Energien habe sich fast wie ein roter Faden durch seine erste Amtszeit gezogen: Die Ansiedlung der Firma Freqcon sei ein Höhepunkt gewesen. „Das hat hier mit derzeit knapp 100 Arbeitsplätzen viel gebracht“, sagt Voige nicht ohne Stolz. Über den Wunsch der Firma, für das geplante Wasserstoffprojekt ein Windrad auf der Egra-Fläche zu errichten, habe im Frühherbst noch der „alte“ Rat zu entscheiden.

Von der Landjugend bis zum Hauptverwaltungsbeamten

Klar war Voiges zweite Amtszeit von der Rathaussanierung geprägt, die mittlerweile abgeschlossen ist. Voiges Büro ist, wie der Rest des Rethemer Rathauses, frisch renoviert. Der Nachfolger werde sich zumindest nicht mehr mit Problemen des Brandschutzes und der Arbeitsplatzsicherheit in maroden Räumlichkeiten herumschlagen müssen. Platz für alle Mitarbeiterinnen biete das Gebäude nach wie vor nicht.

Auf einem Regal in seinem Büro steht ein Holzschild: „Dorfkind und stolz darauf.“ Schon lange, bevor der Häuslinger in die Lokalpolitik ging, 1991 wurde er erstmals in den Rat gewählt, hat er sich in der Landjugend engagiert und plattdeutsches Theater gespielt. Und auch als Bürgermeister hat er neben der Stadt Rethem die Dörfer und ihre Bewohner im Blick gehabt, was sich nicht zuletzt an den beiden großen Dorfregion-Projekten zeigt, für die er sich stark gemacht hat. Bierde/Wittlohe läuft bereits seit einigen Jahren gut, kurz vor Ende seiner Amtszeit hat Voige noch die Dorfregion Aller/Wölpe auf den Weg gebracht. „Ich erhoffe mir, dass man auch hier nun Grenzen aufbricht, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Die Leute wohnen zwei Kilometer voneinander entfernt und kennen sich nicht, das muss nicht sein.“.

Verbindung zwischen Land und Stadt zu schaffen bleibt eine Aufgabe

Auch eine stärkere Verbindung zwischen Stadt und Land zu schaffen, sei eine langfristige Aufgabe für einen Bürgermeister, die in Rethem längst nicht abgeschlossen sei. „Die Kernstadt ist nach meiner Überzeugung bis heute noch nicht richtig in der Samtgemeinde angekommen“, findet er. Daran müsse weiter gearbeitet werden. Für ein besseres Verständnis zwischen der Stadt und den Dörfern würden konkrete Projekte helfen, wie zum Beispiel das Anruf-Sammel-Taxi, das für mehr Mobilität sorgt, oder das gemeinsame Samtgemeindewappen.

Es brauche aber auch eine starke Kernstadt, die ausstrahle und Menschen anziehe. Einige Slogans der Bewerber um seine Nachfolge gefielen ihm deshalb gut. „Brücken bauen“ oder „Starke Stadt, starke Dörfer“, das seien Leitbilder, die er teile.

Stadtsanierung hat Rethem aus dem Dornröschenschlaf geweckt

Gerade in der zweiten Amtszeit habe er deutlich größeren Fokus auf die Stadt gelegt. „Mit der Konzentration auf Ansiedlungen, Ausbauten und Stadtsanierung hat das sicher weit über dem gelegen, was ich für die Dörfer getan habe, obwohl sie es eigentlich waren, die mich vor allem gewählt haben.“ Letztendlich müsse man ein Gleichgewicht finden.

Unstrittig sei, dass die laufende Stadtsanierung mit der Akquise erheblicher Fördergelder bis Ende der 2020er- Jahre eine ganze Menge gebracht habe und bringen wird. Rethems „Donröschenschlaf“ sei vorbei. Durch die gemeinsame Arbeit von Verwaltung und Politik sei eine Initialzündung gelungen.

Er freue sich über die vielen mutigen Investoren, die gerade dabei sind, das Stadtbild zu verändern. „Pohlmann hat den Anfang gemacht. Mit Besier, Einicke-Renaud und Heidorn haben wir Investoren, die zwar streng genommen Auswärtige sind, die sich aber mit dem Standort identifizieren, was das Wichtigste ist.“ Besonders froh sei er darüber, dass die Politik den Kauf des alten Postgebäudes beschlossen habe. „Das hat natürlich noch ein gewisses Aufwertungspotenzial“, so Voige. Er sei gespannt, welches Konzept der neu gewählte Rat für diese zentral gelegene Schlüsselimmobilie entwickle.

Beim Breitbandausbau am Ball bleiben

Der Breitbandausbau laufe in der Samtgemeinde erfolgreich. Voige macht keinen Hehl daraus, was er sich wünscht: „Glasfaser bis an jedes Haus, das muss das Ziel sein.“ Für ihn gehöre schnelles Internet „absolut zwingend zur Grundversorgung“. Es sei zukünftig kaum möglich, eine Immobilie zu vermieten oder zu verkaufen, wenn sie keinen vernünftigen Breitbandanschluss habe. „Gerade in diesen Zeiten merken wir das doch: Homeoffice, Homeschooling – wie soll das gehen ohne vernünftige Internetverbindung? Hier bin ich bis zum Ende meiner Amtszeit am Ball.“

Ausgezahlt habe sich schon jetzt der Beitritt zur Wirtschaftsförderungsgesellschaft Deltaland. „Wir sind seit Januar Vollmitglied. Und wir werden in Kürze eine erste, hochinteressante Gewerbeansiedlung über Deltaland vermelden können.“ Einem Nachfolger rate er, persönlich stets den Kontakt zu Rethems Betrieben zu halten, aber auch die Möglichkeiten, die Deltaland bietet, zu nutzen, sich mit Profis des Themas anzunehmen. „Das ist eine gute Basis, den Wirtschaftsstandort zukünftig mit Leben zu füllen.“

Zweieinhalb zusätzliche Stellen in der Verwaltung habe der Rat genehmigt, das ist eine 15-prozentige Personalaufstockung – nach Voiges Ansicht werde das für eine deutliche Verbesserung sorgen. „Rückblickend hätte ich wohl schon vor zehn Jahren mehr Personal fordern müssen.“ Das sei ein Fehler gewesen, den er sich selbst ankreiden müsse.

Sozialamtskrise noch nicht in Gänze überwunden

Die „Sozialamtskrise“ sei noch nicht in Gänze überwunden. „Noch sind leider nicht alle Rückstände abgearbeitet, aber wir sind dabei.“ Einiges sei in diesem Bereich geändert worden, so gebe es mittlerweile ein umfangreiches Berichtswesen, damit es nicht noch einmal zu so einer Situation komme.

Vor den neuen Räten und dem neuen Samtgemeindebürgermeister stünden in den kommenden Jahren größere Herausforderungen. Voige erwähnt den Feuerwehrbedarfsplan und einige große Investitionen, etwa im Schulbereich. „Und dann müssen natürlich wegweisende Entscheidungen getroffen werden, wie man sich künftig kommunal präsentieren möchte: Einheitsgemeinde, Samtgemeinde, Fusion… Das wird interessant.“

Und wer wird an seinem Schreibtisch sitzen, wenn diese wichtigen Entscheidungen getroffen werden? „Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich glaube, es wird im September richtig spannend werden.“

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