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Teambuilding, Coworking und mehr in Stöckener Gaststätte: Visionen für den Betahof

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Von: Reike Raczkowski

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Eine Zufahrt zu einem Gebäudeensemble
Einiges zu tun gibt es auf dem Gelände des Stöckener Hofes. Zuerst wollen die neuen Eigentümer das Gästehaus (rechts) auf Vordermann bringen, damit die Vermietungen der Zimmer, an Touristen oder für Fortbildungen, starten können. © Raczkowski

Stefan Willuda blickt über den See, die Hände in den Hosentaschen, und lächelt. Der 37-Jährige hat gemeinsam mit seiner Partnerin Kristina Klessmann (36) im Januar den Stöckener Hof gekauft. Die beiden Unternehmensberater sind nun aus Berlin in das kleine Dorf gezogen. Aus dem Landgasthof wollen sie einen „Ort zum Wohlfühlen, zum produktiven Arbeiten und zum gut Essen und Feiern“ machen, schreiben die beiden auf ihrer Homepage. Was das konkret bedeutet, erklärt Willuda bei einem Pressegespräch. Und auch, warum die beiden neuen Eigentümer den Stöckener Hof als „Betahof“ bezeichnen.

Stöcken – „Ich zeig Euch erst einmal alles“, sagt Willuda und geht voran über das großzügige Gelände, wo bereits aus Sicherheitsgründen einige tote Bäume gefällt, undichte Stellen in Dächern repariert und Dachrinnen gereinigt wurden. Gästehaus, Scheune, Kegelbahn, Schankraum – schnell wird klar, dass der alte Landgasthof viel Potenzial hat, aber auch ganz viel Liebe braucht. Zuletzt hatten die Niederländer Lisette und Kees Meereboer versucht, hier gastronomisch Fuß zu fassen, aber wahrscheinlich haben zwei Jahre Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen den beiden am Ende einfach gereicht.

Willuda zeigt den Hof gern, auch Nachbarn seien zum Gucken und Kennenlernen eingeladen: „Wenn ich zum Beispiel draußen arbeite, und jemanden beobachte, der einen Moment zu lange auf das Grundstück guckt, dann spreche ich ihn direkt an und stelle mich vor.“ Man müsse ja schließlich Kontakte knüpfen. Und die allermeisten hätten dann genau zwei Fragen: „Wo kommt ihr her?“ und „Wann macht ihr die Gaststätte wieder auf?“

Auf der Suche nach einem Gastronomen

Die beiden neuen Eigentümer wollen unbedingt vermeiden, im Dorf „wie ein Ufo wahrgenommen zu werden, das irgendwie aus der Großstadt gekommen und hier gelandet ist.“ Zwar hätten Willuda und Klessmann viele Jahre in Berlin gelebt, ursprünglich kämen aber beide aus ländlichen Gegenden, Willuda aus Brandenburg und Klessmann aus Lemgo. „Wir kommen also vom platten Land. Es ist die klassische Geschichte: Als junger Mensch kann man es gar nicht erwarten, in die Großstadt zu flüchten. Und irgendwann stellst du fest: Die Stadt ist auch nur eine Phase.“

Die beiden sind, berichtet Willuda, noch an einem weiteren Bauvorhaben beteiligt, dem sogenannten KoDorf in Wiesenburg in Brandenburg. Dieses Projekt stehe aber derzeit vor einer Reihe von Herausforderungen und werde wohl noch eine ganze Weile bis zur Realisierung brauchen. „Wir haben uns gedacht: Wir versuchen es, wir machen jetzt was eigenes.“

Schnelles Internet gibt es schon jetzt

Den Hof in Stöcken hätten sie „ganz klassisch im Internet auf Immobilienscout“ entdeckt – und sich dazu entschieden, ihn zu kaufen und auf Vordermann zu bringen. Im Fokus stehe derzeit das Gästehaus, das zuerst saniert werden soll. „Es soll weiterhin fünf Gästezimmer haben, unten soll es künftig einen Seminarraum geben.“ Hier könnten sich beispielsweise Firmen für Fortbildungen oder Ähnliches einmieten. Willuda bringt Begriffe aus der modernen Arbeitswelt mit, wie Co-Working-Space, Workation, Teambuilding... Willuda lacht. „Wir sind eben Unternehmensberater. Aber wer mit uns persönlich in Kontakt kommt, der merkt aber hoffentlich schnell, dass wir eigentlich okay sind.“ Die Idee sei es, in Stöcken einen Ort zu erschaffen, an dem Menschen „miteinander sein und arbeiten“ können. Eine der wichtigsten Grundlage dafür, dass so etwas im ländlichen Raum funktionieren kann, habe Stöcken bereits zu bieten: richtig schnelles Internet.

Natürlich dürfen sich aber nicht nur Firmen auf dem Betahof einmieten. Willuda habe zum Beispiel bereits eine Anfrage von einem Nähclub erhalten, dessen Mitglieder hier gemeinsam ein paar Tage lang intensiv neue Schnittmuster ausprobieren wollen. „Aus meiner Sicht passt das genauso gut hierher. Es soll einfach lebendig und schön werden und natürlich sind die Menschen aus der Region ebenso herzlich willkommen sowie Leute aus der Stadt, die mal etwas anderes erleben wollen.“

Ein Mann steht vor einem Gasthaus.
„Willkommen auf dem Betahof“ steht bereits auf einem Schild vor der Gaststätte. Für den Betrieb der Gastronomie suchen Stefan Willuda und Kristina Klessmann allerdings noch einen Partner. © Raczkowski

Der Gastronomiebereich soll auf keinen Fall dauerhaft brach liegen, aber Willuda stellt klar: „Kristina und ich kochen nicht.“ Und so eine Gastronomie solle man nicht leichtfertig angehen. „Denn dann ist das Ergebnis oft nur grausam, den Fehler wollen wir nicht machen.“ Deswegen suchen die beiden jemanden vom Fach, der Lust hat, die Gaststätte zu betreiben. „Ich denke da nicht unbedingt an eine klassische Pacht, sondern wir suchen wirklich jemanden, der eine starke Idee hat, die hier reinpassen könnte. Es ist auch denkbar, erst einmal im kleinen Stil anzufangen, vielleicht mit einem Schnitzelsonntag oder so. Wir suchen jemanden, der ein bisschen Leben in die Bude bringt.“

Und klar dürften zum Beispiel Familien oder örtliche Kegelclubs auch künftig die Bahn nach Absprache nutzen. „Wir haben allerdings derzeit keinen aktiven Ausschank, man müsste sich Knabbereien mitbringen, dazu eben Flaschenbier, kein Problem. Für die Kegler ist das Gesellige ohnehin meistens wichtiger.“

Die Scheune kann vielleicht nicht gerettet werden

Was die Vermietung des Saals für beispielsweise Familienfeiern angehe, könnte vorerst mit einem Cateringpartner zusammengearbeitet werden, da müssten aber erst noch entsprechende Kontakte geknüpft werden. „Außerdem ist der Saal im Moment noch schwer zu beheizen.“ Langfristig sei aber ganz viel denkbar, vom Biergartenbetrieb bis zur Anlage einer Strandbar am See. Aber auch größere Veranstaltungen, wie zum Beispiel eine Schau der örtlichen Handwerker, könne er sich vorstellen.

Viele Ideen können Interessierte auf der Homepage des Betahofes nicht nur nachlesen – sie können auch ihr Interesse bekunden, bei unterschiedlichen Projekten mitzuhelfen. Dabei gehe es nicht darum, Handwerkerkosten zu sparen, betont Willuda, sondern um das Gemeinschaftsgefühl.

Lediglich die große Scheune ist ein wunder Punkt für Willuda, der wenig Hoffnung hat, das marode Gebäude erhalten zu können. Er habe zwar mit Rethems Bürgermeister Björn Symank ein Gespräch über die Problematik geführt, aber bisher habe sich keine tragfähige Lösung gefunden. Dass Symank direkt bei ihm vorbeigeschaut habe, habe ihn sehr gefreut, sagt Willuda. Er und seine Partnerin hätten sich in den vergangenen Jahren diverse Objekte angeschaut, etwa in Mecklenburg-Vorpommern oder in Schleswig-Holstein. „Aber bei manchen Gemeinden sind wir auf verschlossene Türen gestoßen mit unseren Ideen. Die haben uns das Gefühl gegeben: Mit so einem Quatsch braucht ihr uns nicht zu kommen.“

Ob die Idee tatsächlich Quatsch ist, wird sich zeigen. Für Willuda/Klessmann wird es, das wissen die beiden, auf jeden Fall eine Herausforderung werden, ein profitables Unternehmen aus dem Betahof zu machen. „Denn das ist natürlich nicht einfach nur Liebhaberei für uns, der Hof soll in den nächsten Jahren auch Geld einbringen, sonst können wir uns das auf Dauer nicht leisten.“ Dass das Projekt ein Erfolg werde, sei aber nicht garantiert.

Warum der Name Betahof? Der Begriff gehe auf den zweiten Buchstaben des griechischen Alphabetes zurück, erklärt Willuda. „Beta-Versionen bei Computerprogrammen zeichnen sich dadurch aus, dass sie noch nicht fertig sind, aber bereits genutzt werden können und sollen. Es kann bei einer Betaversion sein, dass manches noch nicht so richtig funktioniert, aber man arbeitet daran. Und so sehen wir eben auch den Stöckener Hof, denn er wird wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch nicht komplett fertig sein. Aber das ist nicht schlimm, wir finden, auch etwas unperfektes kann schön sein.“

Wer mehr über den Betahof wissen will, geht auf die Homepage www.betahof.de. Dort berichten Klessmann und Willuda fortlaufend über das Projekt und teilen ihre Gedanken.

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