Stadtgeschichte: Kaum vorstellbare Not in der Zeit des 30-jährigen Krieges

Raubzüge durch Rethem

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Im Londypark: Fundamentbalken für die Bastion des Burghofes erinnern an eine leidvolle Zeit Rethemer Geschichte.

Rethem - Von Fred Raczkowski. Bei einem Spaziergang durch den Rethemer Londypark erblicken Besucher direkt neben der Bockwindmühle seit einigen Jahren eine Sitzgelegenheit besonderer Art. Ein Schild gibt Auskunft: „Fundamentbalken einer Eckbefestigung der Bastion des Rethemer Burghofes.“ Sie stammen vermutlich aus der Zeit um 1621. Das Jahr 1621, gute alte Zeit auf Schloss und Burghof? Ganz gewiss nicht: In jenen Jahren begann einer der grausamsten Abschnitte in der Geschichte des Ortes, der 30-jährige Krieg (1618-1648) brachte kaum vorstellbare Not für die Menschen.

Dabei hatte es 1621 mit dem Kurzaufenthalt einer prominenten Frau auf dem Rethemer Schloss noch recht harmlos begonnen. Elisabeth Stuart, Königin von Böhmen, die Gemahlin des „Winterkönigs“, war auf der Flucht. Auf dem Weg ins Exil übernachtete sie mit großem Gefolge auf dem Schloss.

Bis zum Jahre 1625 ging es noch relativ ruhig zu im Städtchen und auf dem Schloss, aber dann begann eine 17-jährige Leidenszeit. Ortschronist Mittelhäußer: „Dänische, schwedische, spanische, kroatische und deutsche Söldnerscharen, Tilly, Wallenstein und Pappenheim sah der Ort in buntem Wechsel, und alle zehrten, raubten, plünderten, rissen ein und legten Brände an. Hunger und Seuchen kamen nach. Es war eine harte Zeit und die Not im Städtchen groß.“

Zuerst kamen die dänischen Reiter: „Sie bemächtigten sich des Schlosses und Fleckens und machten von hier aus Raubzüge ins Verdensche und Lüneburgsche, plünderten und brandschatzten, führten Vieh weg, stahlen Korn und brachte alle Beute nach Rethem. (Mittelhäußer) Die Dänen wurden von Tilly vertrieben, dann kam Wallenstein (1629) und das Morden und Brandschatzen ging weiter.

Besonders gelitten hat in jenen Jahren offenbar der Ort Stöcken, dessen Einwohnern „Pferde, Kühe, Schweine und Schafe teils niedergeschlagen, teils mit allem, was die Leute in Kisten, Kasten und Häusern hatten, weggebracht und außerdem alles Korn abgedroschen und genommen wurde.“

Doch später ging es auch den Rethemern nicht besser. Hilfesuchend wandten sie sich im September 1625 mit einem Brief an ihren Herzog. Unter anderem klagten sie dort: „Auch die Offiziere um dies Städtlein eine Schanze oder Brustwehr gemacht, wie sie dann auch noch täglich damit umgehen, und werden unsere armen Bürger und Witwen dazu gezwungen, daran täglich zu graben und zu arbeiten, also in ihren Häusern nicht friedlich bleiben, viel weniger ihre Nahrung zu wahren, ohne dass wir schmerzlich ansehen und leiden müssen, dass unsere Pferde, Kühe, Schweine von den Kriegsleuten geschlachtet wird….“

Offenbar war das bürgerliche Leben trotz der furchtbaren Kriegszeiten damals nicht ganz tot, wie die Gründung einer Hutmachergilde 1636 zeigt. Es ist die älteste Rethemer Gilde. Erster Punkt der Bestimmungen: „Berüchtigte, verschalkte oder verbübete Personen dürfen nicht aufgenommen werden, sondern nur solche, die unbescholten und ehrlicher Geburt sind und eines Hutmachers Tochter oder Witwe freien oder gefreit haben.“

Nach dem Ende des Krieges begann ein langer Umbau des Schlosses durch Probst Witte. Einer weiteren Renovierung 1739 folgte nach Aufhebung des Amtes Rethem der Verkauf der Gebäude an den Baron von Behr in Hoya. Vor gut 85 Jahren endete die Geschichte des Rethemer Schlosses: In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1930 brannte es durch Blitzschlag ab und wurde nicht wieder aufgebaut.

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