Auf den Spuren einer Rethemer Apotheker-Frau / ,,Zum Wiedersehen seid mir gegrüßt“ / 1000 Taler für die Armen

Das Rätsel um den Grabstein von Altona

1774 (laut Kirchenbuch) oder 1781 (laut Grabstein)? Das Geburtsjahr von Wilhelmine Sophie bleibt unklar. Hier ein Blick auf den entsprechenden Eintrag im Kirchenbuch.
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1774 (laut Kirchenbuch) oder 1781 (laut Grabstein)? Das Geburtsjahr von Wilhelmine Sophie bleibt unklar. Hier ein Blick auf den entsprechenden Eintrag im Kirchenbuch.

Rethem - Von Fred Raczkowski. Die Inschrift auf dem Grabstein war schon bemerkenswert: ,,Zum Wiedersehen seid mir gegrüßt . . .“ Der in Stein gehauene Gruß erregte sofort die Aufmerksamkeit des Rethemers Florian Vörtmann. Er hatte das imposante Grabmal bei einem Spaziergang mit seiner Familie in der Wahlheimat Hamburg-Ottensen entdeckt.

Wilhelmine Sophie Forcke, geb. Docius, hatte dort, direkt neben der Christianskirche, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Am 7. Januar 1822 war sie gestorben. „Das war ja eine Rethemerin“, stellten die Spaziergänger dann erstaunt fest. Tatsächlich, laut Grabinschrift war Wilhelmine Sophie 1781 in Rethem a.d. Aller geboren worden. Jetzt wollten es „Flo“ Vörtmann und Familie ganz genau wissen: Wer war diese Frau?

Als Ermittler wurden in der Heimatstadt Rethem daraufhin Mutter Lieselotte Vörtmann und Samtgemeindedirektor a.D. Horst Ude aktiv. „Den Geburtsnamen konnten wir schon im Buch ,Geschichte der Stadt Rethem‘ von R. M. Mittelhäußer finden“, berichtete Geschichtsdetektivin Lieselotte Vörtmann.

Danach war ein Philipp Anton Docius um 1730 Apotheker in Rethem. 1764 wurde die Apotheke von Ludolf Heinrich Docius übernommen. Aus dessen Ehe mit Sophie Eleonore gingen fünf Kinder hervor, verzeichnet in den Rethemer Kirchenbüchern. Eines davon war Wilhelmine Sophie, von deren Grabstein in Hamburg die Friedhofsbesucher heute so freundlich gegrüßt werden.

Zum Namen Forcke stieß Horst Ude im Stadtarchiv schnell auf weitere Unterlagen: „Daraus wissen wir, dass der Hildesheimer Apotheker Forcke mit einer Tochter der Familie Docius aus Rethem verheiratet war.“ Nicht bekannt war, mit welcher der vier Töchter die Ehe geschlossen wurde und dass es einen Grabstein in Hamburg-Altona gibt. Unklar bleibt, warum auf dem Grabstein 1781 als Geburtsjahr eingemeißelt wurde, in den Kirchenbüchern jedoch 1774 eingetragen ist. Wer auch immer hier geirrt haben mag, das Datum 6. September ist jedenfalls sowohl auf dem Grabstein als auch im Kirchenbuch vermerkt.

Carl Dietrich Forcke, Ehemann von Wilhelmine Sophie, war sieben Jahre nach seiner Ehefrau, am 13. Juli 1829, in Hildesheim gestorben. Offenbar hatte er seine Frau sehr geliebt, denn in seinem Testament bestimmte er, dass deren Vaterstadt Rethem ein Legat erhalten solle. Das Stiftungskapital in Höhe von 1000 Taler preuß. Courant wurde Ende September 1829 vom Bruder des Stifters, dem Kaufmann Johann Gottfried Forcke, dem Rethemer Magistrat in bar übergeben.

Die Zinsen aus dem Kapital sollten „zur Unterstützung und zur Aussteuer rechtlicher armer Bürgertöchter - die Töchter beamteter Personen sind davon ausgenommen - verwendet werden.“ Mit Einwilligung des königlichen Amtes Rethem verlieh der Magistrat den gesamten Betrag ,,behufs theilweiser Bestreitung der Kosten des jetzigen Neubaus der hiesigen Kirche“ zu vier Prozent Zinsen. Die Schuldurkunde wurde vom Bürgermeister, Ratsmännern und Viermännern unterzeichnet.

Die Viermänner waren damals so etwas wie Repräsentanten der Bürgerschaft. Und bei dieser Beurkundung hatte auch ein Viermann Vörtmann mitgewirkt. ,,Irgendwie schließt sich da ja der Kreis“, freute sich Lieselotte Vörtmann über dieses Ergebnis der spannenden Rethemer Geschichtsforschung.

Tatsächlich wurden die Zinsen aus dem Legat in Beträgen von je 25 Talern an unbemittelte Bürgertöchter bei deren Eheschließung ausgezahlt. Auch der Rethemer Chronist Wilhelm Richter erwähnte das Legat in seinen Aufzeichnungen: ,,Sicherlich kam das Legat in den etwa 90 Jahren seines Bestehens vielen armen Töchtern unserer Stadt zu Gute, bis es in der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, wie so viele milde Stiftungen, unterging.“

Dass die armen Töchter der Stadt diese Unterstützung aber letztlich einer Frau verdankten, die auf einem Friedhof in Hamburg-Ottensen begraben liegt, das war bis heute unbekannt. Warum ihr aber gerade dort, wenige Schritte von der Christianskirche entfernt, dieses bemerkenswerte Grabmal errichtet wurde, bleibt unklar. Und es wird wohl auch ihr Geheimnis bleiben, das der Wilhelmine Sophie, geboren am 6. September 1774 (oder 1781?) in Rethem an der Aller.

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