Rethemer Werkstatt der Schlosserei Vörtmann gleicht einem Museum

Als ob die Zeit stehen geblieben wäre

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Die Drehbank aus dem Jahre 1884 gehört zu den ältesten Objekten der Werkstatt, die eher einem Museum gleicht.

Rethem - Von Fred Raczkowski. Es gibt Orte in Rethem, an denen Geschichte lebendig wird, die Zeit offenbar stehen geblieben ist. Die Schlosser-Werkstatt Vörtmann an der Hainholzstraße ist so ein Ort. Wer sie betritt, fühlt sich mindestens 100 Jahre zurückversetzt: Die großen Transmissionen an der Wand, der alte Schmiedeofen, die Standbohrmaschine oder der aus Frankreich stammende Amboss lassen Bilder längst vergangener Handwerker-Zeiten lebendig werden.

Ein besonders stattlicher Zeitzeuge ist die Drehbank aus dem Jahre 1884. Der Großvater von Christel Vörtmann – er hieß auch Christel – hatte das schwere Gerät in jenem Gründungsjahr der Schlosserei angeschafft. Als 26-jähriger Schlossermeister hatte er nach Lehr- und Wanderjahren das Haus an der Hainholzstraße gekauft und eine kleine Werkstatt eingerichtet. Um die Jahrhundertwende kamen noch Geräte wie die Schleifmaschine oder die Standbohrmaschine hinzu. Letztere wurde um 1900 von der Bremer Firma Mager und Wedemeyer gefertigt. Die Firma gibt es noch heute. Sie hat ihren Standort in Oyten.

Mit dem Beginn der Motorisierung fanden die Schlosser aus der Hainholzstraße ein neues Betätigungsfeld. Die ersten Autos und Motorräder wurden repariert. Später kam auch noch eine Tankstelle hinzu. Bilder stolzer Auto- und Motorradfahrer vor der Werkstatt sind auch im von August Jahns und Horst Ude zusammengestellten historischen Bilderkalender für dieses Jahr zu sehen. Auf einem der Fotos aus dem Jahre 1928 ist auch die damals vierjährige Margarete Vörtmann zu erkennen. Die Schwester von Christel Vörtmann hat viele Jahre die Tankstelle betreut, inzwischen ist sie 90 Jahre alt.

Nicht nur die Werkstatt mit ihren Uralt-Gerätschaften bietet historischen Anschauungsunterricht. Die Familie hat auch zeitgeschichtliche Dokumente, wie Fotos aus den Anfängen der Motorisierung, stets gut bewahrt. Die Kaufverträge von 1884 sind ebenso vorhanden, wie Zeitungsartikel und Rechnungen. Zum 50-jährigen Meisterjubiläum von Christel Vörtmann 1934 gab es einen ausführlichen Bericht in der Heimatzeitung. Demnach hatte der „goldene“ Jubilar sein Handwerk einst bei Meister Fischer in der Kirchstraße erlernt.

Die Handwerker aus der Hainholzstraße kümmerten sich aber nicht nur um Motorräder, Autos oder Fahrräder. An verschiedenen Orten waren und sind noch immer ihre Schmiedekünste zu bewundern. Viele der originellen Werke haben ihre ganz eigene Geschichte. Im historischen Rethemer Bilderkalender wurde zum Beispiel ein Kerzenhalter abgebildet, den Karl Vörtmann um 1935 für die damalige Kraftfahrzeuginnung Fallingbostel, Verden, Rotenburg und Soltau angefertigt hatte. Jahrzehntelang stand der Kerzenhalter bei Freisprechungsfeiern, Innungsversammlungen und anderen besonderen Anlässen auf dem Vorstandstisch der Innung.

Ein weiteres Beispiel für Kunstschlosserei aus den Händen der Meister Vörtmann fand über verschlungene Pfade den Weg an das renovierte Lühr'sche Haus auf dem Burghof-Gelände. Aus Blech fertigte Karl Vörtmann den Braunschweiger Löwen aus dem Rethemer Stadtwappen. Später wurde das Werk vergoldet und hatte viele Jahre seinen Platz im „Kalthaus“ an der Straße „Käsebeutel“.

Besonderen Anklang fand auch eine andere Arbeit mit dem Rethemer Löwen, die Karl Vörtmann vor seiner Werkstatt anbrachte. Sie zeigte das Rethemer Wappentier zusammen mit einem großen Schlüssel, der das Schlosserhandwerk symbolisiert. Für dieses Prachtexemplar der Kunstschlosserei interessierten sich leider auch finstere Gesellen: Es wurde geklaut. „1978 war es, in der Nacht des großen Feuerwehrfestes“, erinnert sich Christel Vörtmann. Damals feierte ganz Rethem mit der Feuerwehr deren 100-jähriges Bestehen. Ein Umstand, den sich die Diebe offenbar zunutze machten.

Christel Vörtmann fertigte später eine Kopie des Werkes vom Vater an. Das neue Objekt legt nun wieder Zeugnis ab von der 130-jährigen Handwerks-Tradition an der Hainholzstraße. Das Original bleibt bis heute verschwunden.

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