Treffen ehemaliger Toschi- und Hachmeister-Mitarbeiter

„Kennste mich nicht mehr?“

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Fred Raczkowski (l.) arbeitet an der Chronik „Von Toschi zur Egra“. Von Panajiotis Spyrou erhielt er dafür ein Foto, das die Fußballer des Werks zeigt.

Rethem - „Kennste mich nicht mehr?“, wird Panajiotis Spyrou gefragt. „Wir haben doch mal zusammengearbeitet.“ Der gebürtige Grieche stutzt und lächelt sein Gegenüber freundlich an. Aber so richtig will es ihm nicht einfallen, welcher seiner früheren Kollegen ihn da eben angesprochen hat. Sicher ist: Beide haben einst im Rethemer Toschi-Werk gearbeitet.

Die Egra-Gesellschaft hatte die früheren Mitarbeiter des Baustoff-Produzenten und des nachfolgenden Unternehmens Hachmeister, einem Hersteller von Systembauten, aber auch die Mitarbeiter der aktuellen Betriebe für gestern eingeladen. Einerseits, um zu zeigen, was inzwischen Neues auf dem Gelände entstanden ist. Andererseits natürlich auch, um den Ehemaligen Gelegenheit zum Wiedersehen und zum gemeinsamen Erinnern zu geben.

Gut im Gedächtnis geblieben ist Panajiotis Spyrou zum Beispiel die Fußballmannschaft, die es damals in dem Unternehmen gab, „Ich war Torschützenkönig“, sagt er stolz. Für Fred Raczkowski hat der Wahl-Rethemer ein Foto mitgebracht. Es zeigt das Werksteam bei einem Turnier in Hannover. „Ich glaube, wir haben den dritten Platz gemacht“, fügt Panajiotis Spyrou hinzu.

Das Bild wird einfließen in die Sammlung, die Raczkowski gerade gemeinsam mit Anne Trebilcock und Dieter Moll für eine Chronik anlegt. Bis zum Jahresende, so Moll, werde die Ausarbeitung vermutlich fertig sein. Sie soll nicht nur die vier Jahrzehnte des Toschi-Werks in Rethem umfassen, sondern auch die Geschichte nachfolgender Unternehmen beleuchten: sieben Jahre Hachmeister und das Entstehen des Energie- und Gewerbeparks Rethem/Aller, kurz Egra.

Anni Arends, Eva Cohrs und Ursel Coors (v.l.) haben in den 70er- und 80er-Jahren gemeinsam in der Formerei des Toschi-Werks gearbeitet.

Den Chronik-Machern steht also noch eine Menge Arbeit ins Haus. Zumal der gestrige Tag einiges an zusätzlichem Material brachte.

Auch Ursel Coors drückt Fred Raczkowski ein paar Fotos in die Hand. Sie zeigen nicht nur Momentaufnahmen während der Arbeit in der Formerei, sondern zeugen auch von geselligen Stunden außerhalb der Arbeitszeit. „Das Betriebsklima war einmalig“, schwärmt Eva Cohrs.

Die beiden Frauen haben sich zusammen mit ihrer ehemaligen Kollegin Anni Arends ein Plätzchen im Schatten einer der früheren Toschi-Hallen gesucht. Dort hat vor zwei Jahren die Freqcon Quartier bezogen, ein Hersteller von elektrischer Ausrüstung für regenerative Energieerzeuger. In der blitzsauberen Produktionsstätte erinnert bis auf die Schienen zum Transport schwerer Güte nichts mehr an Toschi und vor allem daran, dass hier einst mit Asbest hantiert wurde.

Erika Weber (l.), Prokuristin bei Freqcon, führt die Toschi-Veteranen durch die Halle, in der jetzt die elektrischen Ausrüstungen für Windkraft- und Solaranlagen hergestellt werden. 

Knapp 30 Jahre ist es her, dass das Toschi-Werk in Rethem geschlossen wurde. Zu Spitzenzeiten waren dort rund 350 Menschen beschäftigt. Sie verdienten gutes Geld. Doch rückblickend betrachtet erwies sich die Arbeit nicht als Segen, sondern als Fluch.

Über die Gefahren der Asbestfasern habe sie damals niemand aufgeklärt, berichtet Anni Arends. Schutzkleidung oder -masken gab es nicht. Stattdessen erhielten die Männer, die damals im sogenannten Kollergang direkt mit dem Asbest in Berührung gekommen seien, jeden Tag einen halben Liter Milch. Dass sie und Fett den Körper schützen sollten, daran hatte man früher tatsächlich geglaubt.

Dass das Blödsinn ist, wissen Anni Arends, Eva Cohrs und Ursel Coors nur zu gut. Auch ihre Männer arbeiteten einst bei Toschi. Sie alle, so die drei Frauen, seien an Asbestose, an der Staublunge gestorben. „Wir müssen auch noch alle drei Jahre zur Untersuchung“, fügt Ursel Coors hinzu. Denn die Krankheit kann noch Jahrzehnte später ausbrechen.

So sind die Frauen an diesem Tag nicht nur in Freude vereint, sondern auch im Leid.  

kp

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