Mahd im Aller-Leinetal

Rethemer Landwirte beklagen unklare Naturschutzgrenzen

Kurvenreicher Aller-Verlauf.
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Wann darf wo gemäht werden? Auf den Allerwiesen, hier bei Bosse, ist die Lage kompliziert geworden.

Rethem – Eigentlich wollte er jetzt auf dem Trecker sitzen und das große Mähwerk anwerfen und über die Wiesen kurven und die Ernte einfahren. Macht Diethelm Evers auch. Aber spürbar weniger als in früheren Jahren. Der Milchviehhalter aus Rethem-Moor gehört zu jenen Landwirten, die jetzt mit dem neu gefassten Landschafts- und Naturschutzgebiet Aller-Leinetal zu leben haben, sie sitzen am Ende der Verfahrenskette.

Und wie man weiß, den Letzten beißen die Hunde. Etwas gemäßigter ist es zwar geworden, Naturschutzverordnungen sind Papiertiger, sie beißen nicht, aber die Menschen, die sie anwenden sollen, zur Verzweiflung bringen, das vermögen die Verordnungen schon. „Vieles willkürlich festgelegt“, sagt Evers, „und einiges davon unsinnig, manches sogar wider den Naturschutz.“

Um den Mahdbeginn geht es. Erstmals nach Inkrafttreten der Bestimmungen um den Start zum Mähen des Grases also. Beim Landvolk-Kreisverband bleibt man lieber vage. „Vor dem ersten Schnitt des Grünlandes sollten sich die Bewirtschafter in der Schutzgebiets-Verordnung und den dazugehörigen Karten einen Überblick über mögliche Einschränkungen auf ihren Flächen verschaffen, um Sanktionen zu vermeiden“, schreibt Geschäftsführer Klaus Grünhagen. Er wolle zumindest auf die neuen Spielregeln hingewiesen haben, so Grünhagen, „vielleicht haben sie einige noch nicht auf der Rechnung.“ Und das könne teuer werden. Wer dagegen verstoße, müsse leicht mal mit Bußgeldern im dreistelligen Bereich rechnen.

Konkreter könne er nicht werden, so der Landvolk-Geschäftsführer. Mal seien es Pflanzen, die erstmal ihre Blütenpracht entfalten sollen, mal Bodenbrüter, die in ihrer Kinderstube gefahrlos leben dürfen, mal etwas anders. Von Wiese zu Wiese unterschiedlich, und von Weide zu Weide auch. Und manchmal gilt für ein und dieselbe Grünfläche zweierlei Maß.

Und dann stürzten sich Diethelm Evers und die anderen Landwirte mit Flächen nahe der Aller auf das Kleingedruckte, auf die dezidierten Ausführungen zu allen Eventualitäten und zu jeder Wiese? Leider nein. „Wir haben überhaupt nichts an Informationen erhalten“, so Evers. Die Scholle, die betroffen sei, ist gepachtet. Rund 14 Hektar direkt am Allerdeich. „Der Eigentümer hatte einige Infos erhalten, nur durch Zufall sind sie uns zu Augen gekommen.“ Richtig gebrauchen konnte man sie in Rethem-Moor nicht. „Alles haarkleine, aber immer noch viel zu allgemeine Ausführungen.“

Das ganze Ausmaß der neuen Naturschutz-Verordnung erschloss sich der Familie Evers erst, als sie sich um den Computer versammelte und in einer Spezialsoftware so etwas wie die Gebietskulisse aktivierte. Die betroffene Weide war schnell gefunden, die unterschiedlichen Modalitäten nicht. Hier mal 2000 Quadratmeter, dort mal 4000, aber nichts so richtig abgegrenzt. „Alles irgendwie willkürlich auf die Weide gelegt.“ Die eine oder andere Fläche vermochte er sich zu merken, sagt Evers, als er anschließend auf den Trecker stieg, die eine oder andere Fläche, obwohl sich nichts an etwaigen Zäunen orientierte. Und er war auch Willens, sagt er. Und schon tauchte das nächste Problem auf, diesmal ein technisches. Der Wender kommt auf einer Breite von 14 Metern daher. „Für manche Passagen zwischen den zunächst gesperrten Flächen etwas breit. Es wäre eng geworden.“ Am Ende bliebt ein Viertel der Wiese ungemäht. „Ich bin froh, dass ich mir nur über dieses eine Stück Gedanken machen muss.“

Aber es ist nicht nur die Kommunikation, die er beklagt, und nicht nur die vage Lage der geschützten Landstriche, es sind auch ganz praktische Folgen, die ungeklärt seien. Plötzlich begann sie herauszusprießen, noch mit eher schütteren Blütenständen, jene Pflanze, die später mit ihrer gelben Pracht durchaus die Blicke auf sich zieht, und dennoch Alarm auslöst. Das Jakobskreuzkraut. Für viele Tierarten tödlich. „Das wird jetzt immer mehr“, sagt Evers.

Er habe sich entschlossen, gute Miene zu machen. „Die verbliebenen Flächen werden wir ab Mitte Juni mähen.“ Den Versuch wolle er starten. „Das Gras steht im vollen Wuchs. Da kommt man später nur schwer durch.“

Alles Dinge, die in der Verordnung eher keine Rolle spielen. Detailliert sind allein die Punkte, die die Landwirtschaft betreffen, in 19 Unteraspekten aufgedröselt, und das mit Querverweisen und höchst unterschiedlichen Zeitabläufen. Der Passus in stark zusammengefasster Form: Beregnung etwa ist jeweils vom 16. Juni bis 14. März erlaubt, Pflegeschnitt vom 1. September bis 1. März, die Mahd von privaten Flächen ab fünf Metern Entfernung zur Böschungsoberkante vom 15. Juli bis 28. Februar, maschinelle Bearbeitung aller Art nicht vom 15. März bis 15. Juni, Mahd vor dem 15. Juni nur dann, wenn der Gewässerkundliche Landesdienst vor Hochwassern warnt, welche eine spätere landwirtschaftliche Futter-Verwertung verhindern würde.

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