Nach 58 Jahren noch erhöhte Schadstoffwerte durch Holzschutzmittel

Sanierungsfalle Altbau?

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Karl-Jürgen Prull auf dem Dachboden in der Langen Straße 56 mit einem Stück des behandelten Holzes. Messungen hatten eine hohe Schadstoffbelastung ergeben.

Rethem - PCP, PCN, Lindan und Dioxin. Diese Stoffe wurden auf dem Dachboden von Karl-Jürgen Prulls Elternhaus an der Langen Straße 56 in Rethem nachgewiesen. Die giftigen Substanzen sind in Holzschutzmitteln enthalten, die nicht nur in diesem Gebäude, sondern in vielen älteren Häusern verwendet wurden. Die Ausdünstungen können sich bis heute negativ auf die Gesundheit der Bewohner auswirken. Diese Erfahrung hat auch Prull machen müssen. Er befürchtet, dass Häuser aus den 60er- bis 80er-Jahren, die jetzt vielfach gedämmt werden, zu Sanierungsfällen werden könnten.

Sohn Carsten war nach einem Auslandssemester in das Obergeschoss des Zweifamilienhauses in Rethem gezogen, um in Ruhe lernen zu können. Doch er konnte sich nicht konzentrieren. Karl-Jürgen Prull schöpfte Verdacht. Er kennt sich mit Baubiologie aus, ist Normungsexperte der Umweltverbände und Mitglied bei den Naturfreunden.

Er gab Messungen des Dachstuhlholzes sowie der Raumluft im Dach- und im Obergeschoss beim Bremer Umweltinstitut in Auftrag. Das Ergebnis: zum Teil erhebliche Belastungen mit den gesundheitsschädlichen Holzschutzmittelbestandteilen Pentachlorphenol (PCP), Lindan und Polychlorierten Naphthalinen (PCN). Und das, obwohl die Behandlung des Holzes weit mehr als 50 Jahre zurückliegt.

„Thema löst

Angst aus“

Übrigens ließ Prull später auch das Vorhandensein von Dioxinen testen – mit einem erschreckend hohen Ergebnis: Gemessen wurden 2,57 Millionen Nanogramm pro Kilogramm (ng/kg) des Dioxins OctaCDD. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation WHO liege bei 13300 ng/kg, der Nato-Grenzwert bei 16100 ng/kg. Alles darüber seien Kampfstoffe. Prull weiß, dass dieser Wert alleine nichts über die Gesundheitsschädlichkeit aussagt. Hierzu seien Luftmessungen nötig.

Der Rethemer berichtet, dass die Schadstoffe zum Beispiel die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen, Schleimhäute reizen, zu Übelkeit und Erbrechen führen, Krampfanfälle auslösen und auf Dauer Organe und Knochenmark schädigen könnten. Diverse andere Symptome seien möglich. PCP und Lindan gälten zudem als krebserregend.

Lindan ist ein Nervengift. „Das Ziel ist es, Lebewesen abzutöten“, sagt Prull. Die Berechnung der Menge im Holzschutz sei seinerzeit durch Größenvergleich erfolgt: Mensch groß, Hausbock klein. Dann hätten die Verantwortlichen im Verhältnis runtergerechnet. PCP wirke gegen Pilze und Bakterien. Die Dioxine entständen als Verunreinigungen bei der Herstellung von PCP, sagt Prull. „PCP lagert sich im Staub, an, an Stoffen, Tapeten und Möbeln“, weiß der Rethemer. Außerdem seien PCP und Lindan fettlöslich. Sie reicherten sich im Fettgewebe an, erklärt Prull. Nerven seien fettummantelt, und das fettreichste Organ im menschlichen Körper sei das Gehirn. Der Rethemer sieht daher einen Zusammenhang zu neurologischen Erkrankungen. Sein Hausarzt habe eine auffällige Häufung von Fällen an Multipler Sklerose im Bereich Rethem festgestellt. Den Beweis für einen konkreten Zusammenhang gibt es jedoch nicht.

Seine Mutter habe nie Messungen durchführen lassen wollen, erzählt Prull, der in seinem Elternhaus 25 Jahre unterm Dach gewohnt hat. Sie habe dem wirtschaftlichen Schaden entgehen wollen.

Prulls Familie hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich, für die der Rethemer vor allem Holzschutzmittel verantwortlich macht. Das Eigenheim in Horst musste aufwändig saniert werden, weil die darin enthaltenen Stoffe die Familie krank gemacht hatten. Ein Toxikologe hatte 1997 vom Elternhaus als Übergangsquartier abgeraten. Fast ein Jahr hatten Prulls daraufhin in einem kleinen Häuschen im eigenen Garten gelebt. Die Empfindlichkeit für diverse beim Hausbau verwendete Stoffe ist geblieben.

Das Dachgeschoss und die Zwischendecke des Rethemer Hauses sind inzwischen abgerissen worden. Gardinen, Teppiche, Tapeten – aus dem Obergeschoss musste alles raus. An den Dachbalken war vorher gut zu erkennen, dass das Holzschutzmittel nur zwei bis drei Millimeter tief eingezogen war. Aber das genügte, um zu den hohen Belastungen zu führen. Übrigens sei die untere Etage des Hauses komplett saniert und vermietet, beruhigt Prull.

Beim Abriss anfallendes Holz und Bauschutt hat Prull zur Deponie gebracht. Ein Teil soll für die Trecker-Schuppen eines Nachbarn weiterverwendet werden. Er habe mit der zuständigen Abfall- und Naturschutzbehörde gesprochen. Das Vorgehen sei in Ordnung so, habe die Antwort gelautet, staunt Prull. „Wenn ich es verbrenne, ist es Sondermüll, wenn ich es auf einen Lkw lade und wieder benutze, ist es ein Wertstoff.“ Das eigentliche Problem sei ungelöst.

Was er auch festgestellt hat: „Mit dem Thema löse ich nur Angst aus hier im Ort.“ Als er sein Privathaus habe sanieren müssen, habe jeder von einem schicksalhaften Einzelfall gesprochen. Jetzt sei die Reaktion eher: „Oh, das haben wir bei uns ja auch. Da gucken wir lieber gar nicht nach.“

Und: Früher seien zwar Holzschutzmittel mit Prüfzeichen verwendet worden. Allerdings sei es nicht um die mögliche Gesundheitsgefährdung, sondern um die Wirksamkeit gegangen. „Es wurde geprüft, ob die Mittel Holzböcke abtöten.“

Der Rethemer will das Thema an die Öffentlichkeit bringen und auf Gefahren aufmerksam machen. Er fordert Aufklärung und stellt die Frage, ob es grundsätzlich sinnvoll ist, einen Altbau mit womöglich darin vorhandenen Giftstoffen luftdicht einzupacken. Mit der Wärmeschutzverordnung werde das Problem eingekapselt.

sal

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