Vor 70 Jahren: Deutsche Düsenjäger verfehlen ihr Ziel – die Pontonbrücke

Letzter Angriff auf die fast zerstörte Stadt

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Das zerstörte Postgebäude (rechts) nach dem letzten Angriff deutscher Düsenjäger am 19. April 1945. Das Bild wurde ungefähr vom Rathausvorplatz aufgenommen. Reproduktionen: Fred Raczkowski

Rethem - Von Fred Raczkowski. Die Soldaten rissen die Kellertür auf und riefen den verängstigten Einwohnern zu: „War is finished for you.“ Am 12. April 1945 besetzten britische Soldaten das von Fliegerangriffen und Trommelfeuer schon fast zerstörte Rethem. Doch dies war noch nicht das Ende des Krieges. Es war die deutsche Luftwaffe, die am 19. April der Stadt in einem letzten Angriff noch einmal Tod und Vernichtung brachte: Die Besatzung eines deutschen Düsenjägers hatte ihr Ziel – die Allerbrücke – verfehlt.

Die ursprüngliche Allerbrücke war zu diesem Zeitpunkt schon zerstört. Der Angriff in den Mittagsstunden des 19. April galt der von den Engländern gebauten neuen Pontonbrücke. Doch die Besatzungen der deutschen Turbinenjäger hatten mit ihren schnellen Maschinen noch ihre Probleme. Das Ziel wurde um einige hundert Meter verfehlt: Getroffen wurde das Postgebäude, das sich schräg gegenüber dem Rathaus befand. Im einstürzenden Gebäude starben zwei Frauen, Lieschen und Elfriede Müller.

Schon wenige Tage zuvor, am 15. April, hatten deutsche Kampfflugzeuge halb Rethem in Schutt und Asche gelegt. Auch hier war die Allerbrücke offenbar das eigentliche Angriffsziel. Zerstört wurden unter anderem das Lindemannsche Haus und das Gasthaus Hamelberg. Bei dem Angriff war auch ein britischer Tanklastwagen getroffen und der Fahrer getötet worden. Zeitzeugen berichteten, dass die britischen Soldaten wegen ihres getöteten Kameraden Löscharbeiten der Rethemer Feuerwehrleute verhinderten.

Bis heute nicht völlig geklärt ist die Frage, welche der neuen deutschen Turbinenjäger, die in den letzten Kriegswochen eingesetzt wurden, die Angriffe auf Rethem geflogen haben. Aus den Unterlagen, die sich im Rethemer Stadtarchiv befinden, geht man eigentlich von Einsätzen der legendären Me 262 aus. Dieser zunächst als reines Jagdflugzeug konzipierte erste deutsche Düsenjäger wurde auf Befehl Hitlers in den letzten Kriegswochen auch als Kampfbomber eingesetzt.

Mehrere Quellen, aber auch die Aussagen eines Rethemer Zeitzeugen, legen jedoch die Vermutung nahe, dass Rethem vor 70 Jahren von einer Arado 234 angegriffen wurde. Ein Beleg dafür wäre die Aussage von Gerhard Wulff (Textilgeschäft Wulff in Rethem). Sein Vater Otto Wulff war im Krieg als Flugwache in Rethem eingesetzt und in den letzten Kriegswochen an einem Fliegerhorst in Schleswig-Holstein stationiert. Nach dem Krieg hatte Otto Wulff seinem Sohn Gerhard ein besonderes Erlebnis dort geschildert. Nach einem Einsatz mit den neuen Turbinenjägern habe er die Piloten gefragt: „Wohin seid ihr geflogen?'' Antwort: „In die Aller-Gegend, den Ort kennst du bestimmt nicht.“ Wulff hakte nach: „Wie hieß der Ort?“ Pilot: „Rethem.“ Somit erfuhr Wulff, dass seine Kameraden gerade einen Angriff auf seine Heimatstadt hinter sich hatten.

Tatsächlich gibt es Belege dafür, dass vom Standort Kaltenkirchen (nördlich von Hamburg) in Schleswig-Holstein in der fraglichen Zeit Einsätze nach Rethem geflogen wurden. Im Buch „The last year of the Luftwaffe“ von Dym Gogosu wird auch aus dem Kriegstagebuch des Kampfgeschwaders 76 zitiert. Am 18. und 19. April 1945 werden „Bridges over the Aller near Rethem“ als Kampfziel angegeben.

Eine andere Quelle aus dem „Forum für deutsche Geschichte“ nennt ebenfalls das Kampfgeschwader 76 als für den Einsatz in Rethem verantwortlich. Wobei der Einsatz am 18. April der Wetteraufklärung gedient und der Angriff am 19. April sein Ziel verfehlte habe. Laut Wikipedia-Eintrag war die mit der Arado 234 ausgerüstete III. Gruppe des Kampfgeschwaders 76 vom 5. bis 28. April 1945 in Kaltenkirchen im Einsatz.

Somit scheint festzustehen, dass der letzte Akt der Zerstörung vor 70 Jahren in Rethem der Besatzung einer deutschen Arado 234 vorbehalten war. Das Flugzeug war der erste strahlgetriebene Bomber der Luftfahrtgeschichte.

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