SV Viktoria wird 100 Jahre alt / Chronik arbeitet die Geschichte auf

Integrative Kraft an der Aller

Wer ist dieser Typ? Bei den Arbeiten für die Chronik hat Wolfgang Leseberg immer wieder mit alten Mannschaftsfotos zu tun, bei denen ihm die Namen der abgebildeten Personen fehlen. Fotos: Raczkowski

Rethem - Von Reike Raczkowski. Der SV Viktoria feiert in diesem Sommer sein 100-jähriges Bestehen. Tief in die bewegte Geschichte des 600 Mitglieder starken Rethemer Sportvereins eingetaucht ist Ehrenmitglied Wolfgang Leseberg. Noch im Jubiläumsjahr soll eine Chronik erscheinen. Die Texte sind fast alle fertig, viele Mitglieder und Übungsleiter haben sich daran beteiligt. Neben den obligatorischen Grußworten finden sich in dem Druckwerk zum Beispiel geschichtliche Abrisse, die Vorstellung der einzelnen Sparten, Interviews mit älteren Sportlern, die dafür in ihren Erinnerungen gekramt haben, und allerhand kuriose Begebenheiten rund um den SVV.

Eigentlich habe man gehofft, die Chronik bis zum Festkommers am 29. Februar fertiggestellt zu haben. Doch das werde auf keinen Fall gelingen, so Leseberg. Hauptgrund dafür sei der plötzliche Tod von Klaus Jarchow aus Hedern, der sich sehr für die Erstellung der Chronik engagiert hatte. Nun ist es Lesebergs Aufgabe, aus dem „geerbten“ Material das beste zu machen. „Leider gibt es viele schöne historische Fotos, von denen wir aber nicht mehr wissen, was oder wen sie zeigen.“ Er holt ein Fußball-Mannschaftsfoto aus den 60er-Jahren heraus und sagt: „Sehen Sie mal, das ist Gerd Panning, das da ist Fritz Bätje – aber den Kameraden hier, den kenne ich nicht. Es ist einfach schade, wenn man unter das Foto nicht die dazugehörigen Namen schreiben kann.“

Leseberg hat sich auch daran gemacht, die alten Protokolle einzuscannen, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Er zeigt die ältesten Exemplare, die ihm vorliegen. „Sie sind von 1946. Ältere haben wir leider nicht mehr. Es ist ein wenig so, als hätte der Verein vorher nicht existiert.“ Die Schriftstücke sind teilweise verblasst oder lösen sich langsam auf. Durch die Digitalisierung werden sie für die Nachwelt erhalten.

Ins Leben gerufen wurde der SVV im Juli 1920 in der Tischlerwerkstatt Pape. Damals gab es, das ist in der Chronik nachzulesen, bereits einen Sportverein in der Allerstadt, den MTV Jahn, mit dem sich der SVV in den ersten Jahren in erbitterter Konkurrenz um Mitglieder befand. Der MTV löste sich 1933 auf. Ideengeber zur Gründung des SV Viktoria, zunächst ein reiner Fußballverein, war Tischlerlehrling Erich Burkhard. Er stammte aus Leipzig und hatte sich dort schwer mit dem Fußballvirus infiziert.

Die Anschaffung von Trikots für die Mannschaft sei damals kein Problem gewesen, schon eher die vom Spielgerät. „Es gibt das Gerücht, dass die junge Mannschaft zunächst mit einem Handball kicken musste, den Heinrich Heißmann beim MTV Jahn stibitzt hatte.“ Der Gerätewart des MTV war wohl klammheimlich zur Konkurrenz gewechselt.

Wer sich mit der Historie des Vereins befasst, dem fällt auf, dass der SVV immer schon eine starke integrative Kraft an der Aller war: Galt es zunächst, die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen ins Gemeinschaftsleben einzubinden, so folgten in den 60er-Jahren, vor allem nach der Eröffnung des Toschi-Werks, viele Gastarbeiter. „Sie fanden im SV Viktoria eine Umgebung vor, wo nur die sportliche Leistung zählte und nicht Herkunft oder Glaube“, heißt es in der Chronik. Leseberg: „Was eine Mitgliedschaft in einem Sportverein für die Integration leistet, kann man gar nicht hoch genug bewerten.“

Aber auch für sozial Benachteiligte sei der SVV immer eine Heimat gewesen, weiß Leseberg. Der 70-Jährige ist seit 60 Jahren im SV Viktoria Mitglied, davon war er 27 Jahre im Vorstand. „Ich bin in einer ganz armen Zeit groß geworden. Damals haben sich andere für mich eingesetzt.“ Diese Erfahrung heute weiterzugeben, sei für ihn Ehrensache.

„Es wäre schön, wenn die Leistungen der Vereine von der Politik mehr gewürdigt würden“, sagt Leseberg. So kommen in der Chronik auch kritische Töne vor. Leseberg fordert darin zum Beispiel, die Politik möge die Vereine nicht mit immer neuen Gesetzen belasten, die einzuhalten kaum möglich seien, wie aktuell zum Beispiel das Mindestlohngesetz oder die Datenschutzgrundverordnung. Nur so könne das Ehrenamt langfristig überleben: „Wer bei der Übernahme unentgeltlicher Aufgaben bei jedem Schritt über bürokratische Vorgaben stolpert oder sich ständig mit einem Bein im Gefängnis sieht, der ist von solcher Verantwortung nur schwer zu überzeugen“, so Leseberg.

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