Vor 110 Jahren ging in Rethem erstmals das elektrische Licht an / 1919 Thema im Magistrat

,,Ick bliew bi mine Petrojumfunzel“

Ein Modell der Anlage aus dem Jahre 1909 kann im Museumsteil des Burghofs bewundert werden. Hans Richter senior hatte es nach Originalplänen gebaut. Fotos: Fred Raczkowski

Rethem – Der 2. November 1909 war ein trüber dunkler Tag in Rethem. Und dann passierte es: In den meisten Häusern der Altstadt flammte erstmals elektrisches Licht auf: „Ein erwartungsvoller Augenblick im Leben unserer Bewohner, eine stolze Wende der geschichtlichen Entwicklung unserer Stadt“, nannte Lehrer Ernst Wolters das Geschehen später in einem Beitrag der Festschrift zum Rethemer Stadtjubiläum 1953.

Wolters hatte eine ganz besondere Beziehung zu dem historischen Ereignis. Es war sein Vater, der Architekt Ernst Wolters, dem die Rethemer es zu verdanken hatten, dass sie nach Walsrode als zweite Stadt des Kreises mit elektrischem Strom versorgt wurden. Wolters hatte damals direkt hinter seinem neben dem Rathaus gelegenen Haus ein privates Elektrizitätswerk gebaut.

Es handelte sich um ein Gleichstromwerk mit zwei Dynamos und einem Akkubetrieb. Wolters beschreibt es so: „Eine große, mit zwei Schwungrädern versehene Lokomobile setzte das Sägewerk, das mein Großvater in den Jahrzehnten vorher gegründet hatte, und die beiden Dynamos in Betrieb.“ Gleichzeitig konnten das Netz beliefert und die Akkus befüllt werden. War die Lokomobile nicht in Betrieb, wurde das Ortsnetz aus den Akkus im oberen Stockwerk des Maschinenhauses gespeist.

Letzte Zeugen der Zeit sind nach damaligen Angaben von Wolters einige Trümmerteile der Anlage, die sich noch heute auf dem Gelände hinter dem ehemaligen Haus Wolters befinden. Im Rethemer Burghof kann zudem ein von Hans Richter senior gefertigtes Modell der Anlage bewundert werden. Richter hatte es vor einigen Jahren nach Originalplänen der Firma Lanz (Hersteller der Anlage) gebaut.

Der Aufbruch in die neue Zeit wurde damals von vielen Rethemern auch kritisch gesehen. Eine typische Äußerung jener Tage hat Ernst Wolters in seinen Aufzeichnungen notiert: „Ick bliew bi mine Petrojumfunzel, dor weet ick, wat ich heff. Mit düssen annern Spuk bliewt mi vor de Dör.“ Viele wollten von dem neumodischen Kram nichts wissen, auch im Magistrat war man lange skeptisch, ließ sich aber doch überzeugen.

Schon ein Jahr nach dem Start des E-Werks war auch die Neustadt mit Elektrizität versorgt und es wurden 56 Lampen für die Straßenbeleuchtung installiert. Elektrisch beleuchtete Schaufenster in der Weihnachtszeit gab es auch, und das war schon etwas Besonderes in der damaligen Zeit. Für die Technik des Werks war Elektroinstallateur Georg Feldmann zuständig, der zehn Jahre später, also 1919, seinen eigenen Betrieb gründete. Wie berichtet, konnte der Betrieb Elektro-Feldmann im Sommer sein 100-jähriges Bestehen feiern.

Das Jahr 1919 hatte für die Entwicklung der Stromversorgung in Rethem eine ganz besondere Bedeutung. Vor 100 Jahren beschäftigte sich der Magistrat monatelang mit dem Thema. Der Strom sollte nun nicht mehr aus dem Privatwerk von Wolters, sondern vom Überlandwerk Fallingbostel (später Hastra) bezogen werden. Denn Ernst Wolters, er war krank aus dem Krieg zurückgekommen, hatte sein Werk im Frühjahr 1919 an das Überlandwerk verkauft.

Auf vielen Sitzungen ging es um Einzelheiten des nun mit dem Überlandwerk zu schließenden Vertrags. Im Herbst 1919 waren sich alle grundsätzlich einig. Aber Horst Ude und August Jahns, die bei ihrer Arbeit im Rethemer Stadtarchiv die Protokolle der Sitzungen auswerteten, kamen zu dem Schluss, dass erst Ende 1921 ein Schlussstrich unter die Angelegenheit Stromversorgung gezogen wurde. In einem Protokoll war vermerkt worden, dass „dem Monteur Georg Feldmann für das Ein- und Ausschalten der Straßenbeleuchtung 100 Mark bewilligt werden“. Es dürfte sich um eine jährliche Vergütung gehandelt haben. Allzu lang waren die Rethemer Straßen übrigens nicht beleuchtet: Um 18.45 Uhr wurde eingeschaltet und um 21.30 Uhr legte Georg Feldmann den Schalter wieder um. Strom sparen war die Devise, und daher wurde schon bald jede zweite Straßenlampe komplett wieder abgeschaltet.  fra

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