Einst das Zentrum geselligen Lebens / Kino, Sektbar, Tanzschule und ein Buch voll Anekdoten

Der Ratskeller ist nun Geschichte

(Fast) alles ist weg: Die Abbrucharbeiten am Ratskeller gingen am Freitag in ihre Endphase.
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(Fast) alles ist weg: Die Abbrucharbeiten am Ratskeller gingen am Freitag in ihre Endphase.

Rethem – Nun ist er weg. Spontan muss man da an den Spruch von Friedrich Schiller denken, der die Wand des Ratssaales im Rethemer Burghof ziert: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Rathaus war er auch mal, der alte Ratskeller, von dem nun nur noch die Erinnerungen bleiben. Aber das ist lange her: Von 1835 bis 1878 diente er diesem Zweck. 1881 wurde das Gebäude an Wilhelm Poppe verkauft. Die Zeit des Ratskellers begann und damit die Zeit seiner legendären Wirte.

So mancher Rethemer mag dort seinen ersten und letzten Rausch erlebt haben. Über Jahrzehnte war das nun der Spitzhacke zum Opfer gefallene Gebäude nicht nur ein Treffpunkt bierseligen Vergnügens, sondern das Zentrum des geselligen Lebens der Allerstadt. Unzählige Anekdoten begleiten seine wechselvolle Geschichte. So viele sind es, dass Dr. Klaus Jarchow vor drei Jahren dazu sogar ein ganzes Buch im Auftrag der Egra veröffentlichte.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Autor hatte dazu eine ganze Reihe von Zeitzeugen befragt und war dabei auf einen großen Schatz an Geschichten aus alten Rethemer Zeiten gestoßen. Zum Beispiel die Sache mit den Schwarzschlachtungen in der Nachkriegszeit: Wirt-Legende Friedrich Poppe war da ein Missgeschick unterlaufen, das trotz Verbots bereits angestochene Schwein lief in die Mühlenstraße, direkt vor die Füße einiger englischer Soldaten...

Für das Buch befragt wurden unter anderem das Wirts-Ehepaar Ursula und Friedrich Bahlo, sowie Anni Diekmann, damals für die Sektbar zuständig. Diese Sektbar war offenbar geradezu Kult in Rethem, unzählige Geschichten verbinden sich mit dem Treffpunkt.

Der Ratskeller hatte aber noch mehr zu bieten, zum Beispiel Kinovorführungen, die vor allem in den Nachkriegsjahren zu den kulturellen Höhepunkten im Leben der Allerstadt zählten. Viele junge Rethemerinnen und Rethemer dürften auch ihre ersten Tanzschritte im Ratskeller erlernt haben, in der Tanzschule Beuss.

Im großen Saal gab es zuweilen spektakuläre Live-Auftritte von Musikern, Modeschauen, Theater, aber auch politische Großveranstaltungen. Eine bleibt dem Schreiber dieser Zeilen besonders gut in Erinnerung: 1976 fand eine Podiumsdiskussion zum Thema „Atommüll-Entsorgungsanlage“ statt. Karl Dieter Oestmann war Landrat des damaligen Kreises Fallingbostel, Adolf Breuer als Stadtdirektor Chef im Rathaus.

Hoch her ging es damals im überfüllten Saal des Ratskellers. Denn in Rethem gab es auch Befürworter der Pläne. Sie versprachen sich vom Atommüll-Lager einen wirtschaftlichen Aufschwung mit neuen Arbeitsplätzen, trafen an diesem Abend jedoch auf erbitterte Gegner des „Atomklos“ im Lichtenmoor. Es war so etwas wie der Auftakt einer entschlossenen Protestbewegung im Allertal, mit der erbittert gegen die geplante Einrichtung gekämpft wurde. Motto: „Dat Ding kummt hier nich her. Dor sett wi us to Wehr!“

Nach der Schließung des großen Saales fanden aber auch im kleinen Saal immer mal wieder Ratssitzungen und andere politische Veranstaltungen statt, zum Beispiel vor der Schließung der Rethemer Toschi-Werke 1989. Ein Foto von dieser Sitzung hat die Zeiten überdauert. Es zeigt (von links) den Oberkreisdirektor Klaus Schumacher, CDU-Landtagsabgeordneten Karl Dieter Oestmann, Toschi-Betriebsrat Fred Scharringhausen, SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Karl Ahrens, FDP-Bundestagsabgeordneten Friedrich Neuhausen, CDU-Bundestagsabgeordnete Ingeborg Hoffmann und Georg Mehrhof von der Stadtverwaltung.

Nach missglückten Ausbauversuchen und Besitzerwechseln begann schon vor einigen Jahren ein längeres Siechtum des Ratskellers. Nun werden seine Reste abgetragen. Damit es schneller geht, wurden die alten Balken am Freitag noch vor Ort gehäckselt und mit Treckern und Anhängern abtransportiert.

Von Fred Raczkowski

Geschichtliche Ereignisse im Ratskeller: Hier ging es um das Ende der Toschi-Werke im Jahre 1989.
Mit Pferd und Wagen: So sah es in alten Zeiten vor dem Rethemer Ratskeller aus.

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